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Italien – das Land deutscher Sehnsucht
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Seit immer träumen die Deutschen vom Land jenseits des Brenners: Das Meer, die Sonne, der Wein, "l'amore", sie erzeugen eine immerwährende Sehnsucht! Wenn auch die Deutschen inzwischen auch noch weitere, ent­ferntere Urlaubsziele anpeilen, so lieben sie immer noch das Bild Italiens, das in ihrer Fantasie verankert ist. Es erinnert an "dolce far niente", an die Leich­tigkeit des Lebens und an viel, viel Sonne.

Die Deutschen fühlten sich seit eh und je von dieser vermeintlichen Leich­tigkeit des italienischen Lebens gelockt. Bereits im Mittelalter gab es ein besonderes Ver­hält­nis vieler Deutscher zu Italien. Das aus dem Reich Karls des Großen hervorgegangene Heilige Römische Reich Deutscher Nation sah sich als Wieder­her­stellung und Fortsetzung des Römischen Reiches unter christlichen Vor­zeichen. Dieses Reich hatte seinen Schwerpunkt in Italien, zunächst in Rom, wo durch den Papst die Kaiserwürde verliehen wurde, zu Barbarossas Zeiten dann vornehmlich in den oberitalienischen Städten.
Doch erst mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und Johann Wolfgang von Goethes "Italienischen Reise" fand sich ein breiter gestreutes Interesse von Deutschen an Italien und seiner ruhmreichen Ver­gangenheit, die sich künstlerisch etwa in der deutschen Romantik nieder­schlägt.
"In diesen Gegenden muss man zum Künstler werden." Mit seiner "Italie­ni­schen Reise" war Goethe der Trendsetter, er offenbarte ein Italien, das für viele bedeutende Künstler zum Ziel werden sollte: Ein Land, dessen Vielfalt die Künstler, insbesondere die Maler, in­spi­rierte und die Kunstwelt enorm bereicherte. Diese Künstler gaben der Landschafts­ma­le­rei entscheidende neue Impulse. Ihre Werke stellten manchmal die ideale Land­schaft dar, manchmal widergaben sie eine genaue Beobachtung der Natur, oder sie folgten nur der intuition des Künstlers. In diesem Prozess verlor sich die Dominanz der Historienmalerei zu Gunsten der Landschaftsmalerei.
Leo von Klenze: Italienische Landschaft, 1829
"Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn" führte aber auch zur kollektiven Sehnsucht der Deutschen, die dem nass-grauen Alltag ihres mittel­eu­ro­päi­schen Heimatlandes entfliehen wollten. Der Dichter brachte den Bildungs­bür­ger und den Studienreisende auf den Weg, die stets auf der Suche nach literarischen Bezügen und historischen Stätten ist. Ob Florenz Rom, Assisi oder Neapel. "Wer Italien bereist, verbindet den Kunstgenuss wenigstens als Nebenzweck mit seinen Wanderungen", schrieb Karl Baedeker.
Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Art des Reisens kontinuierlich.
Im Mittelalter waren es vornehmlich Pilger und Ritter, die aus religiösen oder politischen Gründen die beschwerliche Fahrt nach Rom unternahmen und sich weder für Kunst, noch für Land und Leute interessierten. Erst im 17. Jahr­hun­dert wandelte sich die Motivation. Es wurde üblich, dass jugendliche Adelige fremde Länder und Sitten kennen lernen wollten, um welterfahren zurück­zu­keh­ren, dadurch fähig geworden zur Ausübung von höheren Äm­tern.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhhunderts unternahm man Kunst-Reisen dem ästhetischen Genuss zu Liebe, im 19. Jahrhundert wurden daraus idea­lis­tische Bildungsreisen (auf Goethes Spuren), romantische Reisen aus Kunst- und Naturschwärmerei.

Das Ende des 18. und der Beginn des 19. Jahrhunderts, die Zeit des Klassi­zismus, war gekennzeichnet durch eine Italiensehnsucht, die schwerpunkt­mä­ßig eine Rückbesinnung auf die klassischen Altertümern bedeutete. Viele Dichter und Maler gingen nach Italien, um auf den Oribinalschauplätzen einen Eindruck zu bekommen. Italien wurde nicht nur wegen der geographischen Nähe bevorzugt, sondern auch, weil Griechenland, als Teil des Osmanischen Reiches, kein leicht zu bereisendes Land war. Die Spuren Griechenlands suchte man deshalb in der ehemaligen "Magna Graecia", den griechischen Kolonien in Süditalien und Sizilien.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Jacob Philipp Hackert, Johann Wolfgang Goethe, Christoph Heinrich Kniep und Johann Gottfried Seume, nur um einige zu nennen, reisten nach Italien und hielten die Eindrücke in Wort und Bild fest. Die Italienische Reise Goethes ist wohl die be­rühmteste aller dieser Reiseschilderungen. Johann Hermann Riedesel schrieb einen der ersten Reiseführer Italiens.
Dass Rom für die deutschen Künstler zur Fundgrube malerischer Motive wurde, steht in engem Zusammenhang mit der sentimental-romantischen Naturverherrlichung und der klassizistisch-historischen Kunstbetrachtung jener Zeit. Zwischen 1800 und 1830 lebten allein in Rom mehr als fünfhundert deutsche Maler, Bildhauer und Architekten.
Die antiken Stätten waren zu dieser Zeit auch Gegenstand der Betrachtungen des Archäologen Johann Joachim Winckelmann. Auch Architekten und Bau­forscher wie Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner und Karl Friedrich Schinkel studierten die Architektur der Magna Graecia.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tauchte beim Reisen erstmals die Moti­vation zur Ent­deckung des Sozialen und der politischen Gegenwart auf. Im 20. Jahrhundert kam schließlich der moderne Massentourismus auf, dessen Hauptziel Erholung ist.
Das Lied "Die Capri-Fischer" war ein 1943 geschriebener berühmter deut­scher Schlager, dessen Wie­dergabe im deutschen Rundfunk verboten wurde, weil die Alliierten 1943 bereits auf Capri gelandet waren. Erst in der Nach­kriegs­zeit wurde er zum Welterfolg. Das Lied stand exemplarisch für die Sehn­sucht der Deutschen nach Italien. Bereits während des Welt­kriegs wurde diese Sehnsucht in zahlreichen Schlagern ausgedrückt, aber während der Wirtschaftswunder-Ära erstarkte sie noch mehr, da die wirtschaftliche Situa­tion es immer mehr Westdeutschen ermöglichte, ins Land ihrer Träume zu fahren.
Die Caprifischer
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.
Nur die Sterne sie zeigen ihnen am Firmament
Ihrem Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt.
Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,
Hör von fern wie es singt:
Bella, bella, bella Marie,
Bleib mir treu, ich komm zurück morgen Früh,
Bella, bella, bella Marie,
Vergiß mich nie.
Capri-Fischer (Historische Aufnahme)
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(ggf. anhalten und Ladevorgang abwarten)
>> eine weitere Interpretation bei Youtube [ ]

Die Italiensehnsucht der Deutschen hat aber auch heute noch viele Facetten. Da fließt die Liebe zum warmen italienischen Klima mit ein, zu den vielen Sonnentagen und den langen Sommermonaten, der Mittelmeer-Vegetation, mit seinen Palmen und Olivenhaine und – zu den lauen Sommerabenden und dem Leben in den Straßen und an den Stränden. Auch wird der dunkel­häu­tige, schwarzhaarige und doch mitunter blauäugige Typus des Italieners als verführerischer und erotischer wahrgenommen als jener der meisten Mit­tel­europäer. Das die Jahrtausende überdauernde reiche kulturelle Erbe Italiens, das Städte wie Rom oder Florenz wie Open-air-Museen erscheinen lässt. spielt bei einem großen Teil der deutschen Besucher immer noch eine heraus­ra­gen­de Rolle. Eine tiefergehende geistige Bewegung, die mit der des 18. und 19. Jahrhunderts zu vergleichen wäre, ist sie aber nicht.

 
Johann W. von Goethe
Erst Goethes "Italienische Reise" brach­te die Zitrone (pardon, den Stein) ins Rollen. Er nahm vorweg, was Italien in der folgenden Zeit für viele Künstler werden sollte: eine Quelle der Inspiration!
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