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Höflichkeitsformen in der italienischen Sprache

Ciao
Das kleine Wörtchen "Ciao" hat sich als Begrüßungsformel zwar in der gan­zen Welt durchgesetzt, in Italien ist es aber immer noch ein Zeichen von Vertraulichkeit. Zu seinem Vorgesetzten oder Geschäftspartner ist es nach wie vor verpönt. Wenn man jemanden mit "Ciao" begrüßt, ist es, als hätte man ihn geduzt.
Formelle Begrüßung
Korrekt spricht man einen Fremden oder nicht Vertrauten mit der Anrede­form "Signor" oder "Signora" und ggf. der Position (z.B. "Direttore"), oder einen Titel, wie "Dottore" oder "Ingegnere". "Buongiorno Ingegnere" ist beispiels­wei­se eine korrekte Anredeform, genauso wie "Buongiorno signora Bruni". Achtung: Wenn man Titel und Name kombiniert, wird im männlichen Fall aus "Dottore" "Dottor", aus "Ingegnere" "Ingegner" usw. Zu beachten ist, dass in Italien jeder Hochschulabsolvent den Titel Dottore bzw. Dottoressa erhält. Es ist fast respektvoller einen Rechtsanwalt mit "Avvocato" und einen Ingenieur mit "Ingenere" anzusprechen, als mit "Dottore", das sind sie sowieso beide.
Signora, signorina
Ob man eine Frau mit "Signora" oder "Signorina" ansprechen soll, ist eine heikle Sache geworden in Italien. Während in deutschsprachigen Ländern die Anrede "Fräulein" auf dem Rückzug ist und gerade noch für die Bedienung in einem Restaurant akzeptabel klingt - und das unabhängig vom Alter der Angesprochenen - sieht es ein junges Mädchen in Italien noch sehr gerne, mit "Signorina" angesprochen zu werden. Schließlich heißt es, dass sie noch jung aussieht. Andrerseits bedeutet: "È rimasta signorina" (sie ist Fräulein geblie­ben), dass sie unverheiratet geblieben ist. Da droht fast schon die Bezeich­nung "zitella" (alte Jungfer). "Signorina" kann (muss aber nicht) bis zu einem gewissen Alter (30 Jahre?) als Kompliment angesehen werden, danach wird es ein gefährliches Synonym für "zitella".
"Lei" und "Voi"
In Italien gab (und gibt es) immer zwei Formen der Höflichkeitsanrede: die dritte Person weiblich Singular (Lei) und die zweite Person Plural (Voi).
Etwa ab dem 13. Jahrhundert wurde es in Italien üblich, Künstler, wichtige Per­sönlichkeiten und Adelige in der zweiten Person Plural anzusprechen. Man sprach sie mit "Voi" (Ihr) und "Vostro" (eurem) an, beispielsweise sagte man zu ihnen "Vostra Eccellenza" (Eure Exzellenz) und "Vostra Bontà" (Eure Gütig­keit).
Ende des 16. Jahrhunderts kam aus Spanien die dritte Person Singular mit dem "Lei" (Sie) dazu, das sich schließlich durchsetzte. So sagt man bei­spiels­weise: "(Lei) come sta?" (Wie geht es ihr?), "(Lei) permette?" (Erlaubt sie?) "Come sta suo figlio?" (Wie geht es ihrem Sohn?), unabhängig davon, ob die angespro­che­ne Person weiblich oder männlich ist.
Wenn man sich an mehrere Personen wendet, wird aus dem "Lei" ein "Loro". "(Loro) quando vengono?" (Wann kommen sie?).
Mussolini versuchte, sich wieder auf die ältere, "italienischere" Form zu be­sin­nen und führte als faschistische Anrede das "Voi" (statt des als bourgeois dif­famierten "Lei") wieder ein.

Interessanterweise hat sich die "Voi"-Form im Süden Italiens noch gehalten (bereits vor der Zeit des Faschismus). Ein Neapolitaner sagt nie "Lei", son­dern benutzt das "Voi", das seiner Auffassung nach mehr Respekt ausdrückt. In vielen konservativen Familien im Süden werden sogar Eltern und Verwand­te in der zweiten Person Plural angesprochen. "Come state oggi, mamma?" (Wie geht es Euch heute, Mutter?), "Papà, prendete un caffé?" (Vater, nehmt Ihr einen Kaffee?).

Grazie / prego / per favore
"Grazie" enspricht unserem "Danke". Beispielsweise "mille grazie" (vielen Dank, wörtlich "tausend Mal Danke").

Dadurch, dass die Begriffe "prego" und "per favore" beide mit "Bitte" über­setzt werden können, werden sie zu einer der Hauptfehlerquellen für Italienisch Lernenden.
Prego
sagt man in drei Fällen:
1) Wenn man jemandem etwas anbietet. "Prego, si accomodi" (Bitte, nehmen Sie Platz).
2) Als Antwort auf "grazie".
3) Als Verbalform von pregare (beten, bitten): La prego di aiutarmi (Ich bitte Sie, mir zu helfen).
"Per favore" sagt man, wenn man um etwas bittet. "Per favore, mi passi lo zucchero?" (Reichst du mir bitte nen Zucker?).

Pronto chi parla?
In Italien, im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, wo es zum guten Ton gehört, dass der Angerufene als Erster seinen Namen angibt, ist es der Anru­fen­de, der sich als erster identifizieren muss. Schließlich ist er der Eindring­ling in die Privat­sphä­re des anderen. Im Zeitalter des Telefon-Spam­ming eine durchaus sinnvolle Sitte!
 
 
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