Musik

Canto a tenore



Sardinien (italienisch Sardegna, ist – nach Sizilien – die zweitgrößte In­sel im Mittelmeer. Die Insel bildet mit einigen ihr vorgelagerten Inseln die gleichnamige autonome Region Ita­liens. Die Region Sardinien hat eine Fläche von 24.090 km² und 1,65 Millionen Einwohner. Ihre Hauptstadt ist Cagliari.
Die sardische Musik ist sehr vielfältig und eine der reichsten und ältesten im Mittelmeerraum. Typisch für die Musik Sardiniens ist die Vielstimmigkeit in Männerchören, die mit ihrem Gesang Tänzer und Prozessionen begleiten. Die Sänger dieser Chöre haben in ihre Musik auch die Klänge ihrer Um­ge­bung eingearbeitet, und manchmal ahmen die Stim­men Schafe und Ziegen nach. Bekannt sind vor allem die Männerchöre mit dem „Canto a tenore

DerCanto a tenore" (nicht „Canto a te­no­res“) ist ei­ne der ar­cha­isch­sten mu­si­ka­li­schen Aus­drucks­for­men der sar­dischen Traditionen und belegt die Exis­tenz einer polyphonen Gesangspraxis schon in ältester Zeit. Der „Canto a tenore“ ist der Ausdruck jener Hirten- und Bauernwelt, in der das sardische Volk seine Wurzeln hat, und aus die­sem Grund wurde er von der UNESCO unter die schützenswerten "Mas­ter­pieces of the Oral and Intangible Heritage of Hu­ma­nity" aufgenommen und gehört somit zum un­an­tast­baren Erbe der Menschheit.


Sarah Wiener
canti a tenore
Canti Della Sardegna
DVD: Sarah Wiener
Karwoche auf Sardinien

Voches de Sar­din­na: te­no­re de oro­sei amo­re pro­fundo
Canti Della Sardegna

Das Wissen um den Ursprung dieses Gesangs ist zu unbestimmt, um ihn zeit­lich genau einzuordnen. Zeugnisse aus der vorchristlichen Zeit erwähnen ei­nen rätselhaften vierstimmigen Gesang von Kriegs­ge­fan­ge­nen der Römer, die aus dem Inneren der Insel stamm­ten. Es gibt aber auch Forscher, die ihn auf die Nuraghenzeit datieren (etwa 1800 v. Chr.).

Su Cuncordu Codronzanesu
Terminologie: Man könnte denken, dass die „te­no­res“ die Teilnehmer eines Chores seien, dem ist aber nicht so. Die Sänger heißen „Boghes“ und sie bil­den „Su tenore“ (den „tenore“). Wobei mit dem Wort sowohl die Sän­ger­grup­pe, als auch der Gesang gemeint wird. Der Begriff „Sos tenores“ (die „teno­res“) steht für die verschiedenen Sängergruppen. „A tenore“ kommt vom la­tei­ni­schem „ad tenorem“, was kontinuierlich, bzw. in getragenem Ton bedeutet.
Tenores di Bitti: Deus ti Salvet Maria
Ein typisch sardischer Männerchor besteht aus vier männlichen Stimmen: „Bassu" (Bass), „Contra" (Ba­riton), „Mesu oche" (Altstimme) und „Oche" (Vor­sin­ger). Die Männer stehen beim Singen in einem geschlossenen Kreis und hal­ten sich mit einer Hand ein Ohr zu, um ihre eigene Stimme besser zu hören. Die Form des Gesangs entspricht immer genau festgelegten Mustern: Immer steht dabei ein Solist, ein Tenor, im Vordergrund, der die Rolle des Vor­sin­gers übernimmt. Er beginnt mit dem Singen und bestimmt die Melodie. Die weiteren Sänger folgen mit bedeutungslosen Silben der Begleitung. „Bassu“ und „Contra“ bilden mit ihren gutturalen Klängen die im Ton immer gleich­blei­ben­den Haupt­stimmen (es sei denn, der Vorsinger wechselt die Ton­la­ge). Die beim Singen entstehenden Töne imitieren laut einigen Wis­sen­schaftlern Geräusche der sardischen Natur.
Tenore "Santa Sarbana Battista Morittu" Silanus
Es ist schwer zu sagen, woher diese musikalische Form kommt. Nach Mei­nung einiger Experten hat sie mit der Zeit zu tun, als die Hirten in der Ein­sam­keit der Berge in engem Kontakt mit dem Vieh und der Natur lebten: Es könnte sein, dass die „Contra„-Stimme aus der Nachahmung einer Schafs­stim­me abgeleitet sei, „Bassu“ von der Kuhstimme und „Mesu oche“ die Imi­tation des Windes sei. Das sind aber reine Mutmaßungen. Manche behaupten sogar, dass die Gesänge eine Weiterentwicklung der Gre­gorianischen Chöre seien, bzw. dass die gre­go­ria­ni­schen Chöre einen starken Einfluss hatten. Laut einer weiteren Theorie diente der „Canto a tenore“ der Kommunikation von Gefäng­nis­in­sas­sen.
Oliena, Canto a tenore

Die überlieferten Hirtengesänge sind noch heute und im ganzen Land beliebt. Besonders in den Dörfern der Barbagia im Osten Sardiniens fehlt dieser Ge­sang bei keinem Fest. Waren es einst religiöse Themen und Verse großer Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Texte ausmachten, so sind es heute aktuelle Themen und Ereignisse: Arbeits­losig­keit, Emigration, die Schön­heit der Natur und die Liebe. Der „Canto a tenore“ ist die Seele der sardischen Volksmusik. Die Texte sind alle auf Sardisch.

Cuncordu de Orosei - Tzeleste Tesoro
Zahlreich sind die berühmten Sänger und Musiker die Interesse und Wert­schätz­ung für den „Canto a tenore“ gezeigt haben: Peter Gabriel, Frank Zappa, Ornette Coleman und Lester Bowie, nur um einige zu nennen. Die Chöre von Bitti, Neoneli und Oniferi sind unter den wichtigsten Botschafter in der Welt von dieser archaischen und stimmungsvollen Musik.
 
 
 
Musica sarda
Antologia della musica sarda