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Ruhige Tage in Candelara
 
   
 
 
   
   
   
   
 
 
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DuMont Reise-Taschen­buch Reiseführer Marken, Italienische Ad­ria
     
   
29. – 31. März 2007

Ruhige Tage in Candelara (Pesaro)

Candelara, wo liegt das überhaupt? Der Ort, die erste Etappe meiner Italienreise, ist eine kleine Fraktion der Stadt Pesaro, die in der Region Marche liegt. Ich bin zu Gast bei Piero, einem guten alten Freund, der sich hier, an der Stätte seiner Kindheit und frü­hen Jugend ab und zu ein paar ruhige Tage gönnt.
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In gewisser Hinsicht ist der Ort auch für mich ein Zurück zu meinen Kindheitstagen, denn so vieles erinnert mich hier an ein Italien, das ich vor langer, langer Zeit kennen gelernt habe, das längst ver­schwun­den ist, und das ich manchmal schmerzlich vermisse.
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Am Strand von Fano (Pesaro) Urbino
Es ist die beschauliche Welt, die ich teilweise noch selbst erleben konnte, öfters aber mir selbst beim Lesen der Gedichte von Leopardi, Pascoli, Carducci und anderen Lyri­kern des 19. Jahrhunderts in der Fantasie zusammenfügt habe. Ländliche Welten, in denen Langsamkeit der einzige Rhythmus war, die Sonne den Tagesablauf bestimmte, die Menschen in Großfamilien lebten und Volksschüler noch im Schulkittel beim Unterricht erschienen. Als die Ochsen auf den Feldern noch ein Gefühl von Kraft und Frieden ein­flößen konnten, weil die Gedanken, unbehelligt von der perfiden Saat der Motori­sie­rung, dem Lärm, noch im "Unermesslichen versinken" konnten.
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Landschaft bei Candelara Abends in Candelara
Es sind erwartungsgemäß ruhige Tage, die wir hier verbringen, aber darin liegt auch ein großer Teil ihres Charmes. Die Eindrücke, die ich während dieses Aufenthalts gewinne, sind schlicht und unaufdringlich, nicht laut und prätentiös. Hier in Candelara führt nur das allgegenwärtige Auto gedanklich zurück ins Italien der Konsumgesellschaft. Nur wer, wie Piero, den Ort seit längerem kennt, weiß von den diskreten Veränderungen zu be­richten, die seine Struktur und seine Menschen in den letzten Jahrzehnten erlebten. Wer als Kind hier frei herum tollen konnte, wird bemerkt haben, wie viel Feldwege in­zwi­schen asphaltiert wurden, wie viel Mauern und Zäune hochgezogen wurden und wie sehr die bescheidenen bäuerlichen Höfe zu Vorortvillen von Städtern mutiert sind und, nicht selten von aggressiven knurrenden Hunden bewacht, quasi den Charakter von Trutzburgen bekommen haben.
Bild vergrössern Abends ist die Bar verwaist, nur ältere Männer beim Kartenspielen. Die Jugend sucht die Diskos und Knei­pen der Stadt auf. Ein Ort als Schlafstätte. In diesen regnerischen Vorfrühlingstagen strahl er Melancholie und Weltabgeschiedenheit aus. Wenn ich im blauen Licht der Dämmerung in den stillen Gassen Candelaras herumbummle, kann ich mir fast schon den Winter vorstellen und das alljährlich in der zweiten Dezem­ber­woche stattfindende Kerzenfest (das einzige Fest in Italien, übrigens, das ausschließlich den Bienen­wachs­ker­zen gewidmet ist). In diesen Tagen, wenn Can­de­lara in den Abendstunden nur noch von den Kerzen be­leuch­tet wird, steigert sich vermutlich der Flair dieses kleinen verträumten Ortes ins "Unermessliche".