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In den Marche
 
 
Leopardi
 
Tagebuch
der ersten Liebe

von Giacomo Leopardi
   
 
 
Marken
Reisehandbuch
   
 
Beniamino Gigli
 
Beniamino Gigli - Arien
     
   
1. April

Le Marche

Die Marken sind eine sanfte, mehr hügelige als gebirgige Region in der Mitte der ita­lie­nischen Halbinsel, in der sich sanfte Hügel, geschmückt mit Getreidefeldern und Oli­ven­bäu­men, wie die Wellen des Meeres bis zum Horizont ausdehnen. Und erst all­mäh­lich spricht es sich herum: Die Marken sind nicht im Geringsten so überlaufen wie ihre be­kann­tere Schwester, die Toskana. Und doch sind ihre Städtchen, die wie Schwal­ben­nes­ter auf den Hügelkuppen sitzen, nicht minder malerisch und sehens­wert. Sie haben sich ihre Beschaulichkeit erhalten.
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Landschaft in den Marche Landschaft in den Marche
Der Reiz dieser Region liegt ja gerade darin. Obwohl In den Marken jedes zweite Dorf seine "sagra" und seine Festspiele hat und jede Kleinstadt ihr festes Theater- oder Opernhaus, weist die touristische Infrastruktur noch lücken auf (die Speisekarten sind z.B. noch nicht auf Deutsch!), aber die Landschaft weist eine Vielfalt auf, welche die "mar­chi­giani" von ihrer Heimat sagen lässt: "Wir sind ganz Italien in einer Region". Urbino ist die Geburtsstadt des Malers Rafael, Pesaro die von Gioacchino Rossini, Recanatis großer Sohn ist der Dichter Giacomo Leopardi. Das allein würde für einen Besuch reichen.

Recanati

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Für jemanden, der in Italien aufgewachsen ist, erzeugt der Name dieser Stadt – als sei ein pawlowscher Reflex im Spiel – die spontane Assoziation zum Namen des größten Dichters der italienischen Romantik, Giacomo Leopardi [], der 1798 hier geboren wur­de und von seinem Heimatort Inspiration für viele seiner Werke fand. Spontan tauchen dann aus der Tiefe der Erinnerung Verse aus den Gedichten "Samstag auf dem Dorf", "Die einsame Amsel" oder aus dem berühmtesten, "Das Unendliche", auf, die in Italien jedes Schulkind auswendig lernen musste. Ein Spaziergang zum Monte Tabor, dem Hügel des "Unendlichen", bei Sonnen­un­ter­gang lässt dann auch noch das letzte Stück vom Herz schmelzen.
"Das Unendliche"
Lieb war mir stets hier der verlass'ne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr - wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten, formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da verlernt die Seele
das Fürchten bald. Und wenn des Windes Rauschen
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Blick auf Recanati Der Hügel des Unendlichen
durch diese Bäume geht, halt ich die Stimme
dem Schweigen, dem unendlichen, entgegen,
ihm zum Vergleich: des Ewigen gedenk ich,
der toten Jahreszeiten und der einen,
die heute lebt und tönt. Und so versinken
im Unermeßlichen mir die Gedanken,
und Schiffbruch ist mir süß in diesem Meere.
Weniger bekannt ist, dass Recanati einen weiteren großen Sohn aufzuweisen hat: den Tenor Beniamino Gigli, einen der größ­ten Tenöre seiner Zeit, der als legitimer Nach­fol­ger von Enrico Caruso galt. Und dass Recanati auch eine bemerkenswert schöne Klein­stadt ist, das war für mich eine angenehme Überraschung. Der Ort, der sich auf einem Hügelkamm erstreckt, von dem man eine weite Sicht über ein herrliches Panorama ge­nießen kann, ist ein kleines, intimes, intakt gebliebenes Juwel.

Im Restaurant

Mittlerweile bin ich wieder im heutigen Italien angekommen, in einem Restaurant. Sollte ich gedacht haben, mich in der Stille der Vorsaison in die Gedichte von Leopardi ver­tie­fen zu kön­nen, so habe ich mich getäuscht. Denn obwohl das Lokal zu dieser frühen Stunde ziem­lich leer ist, sorgt das Fernsehgerät für eine kontinuierliche Ge­räusch­kulisse und sorgen seine flimmernden Bilder dafür, dass meine Blicke wie hypno­tisiert immer wieder hinauf ins Eck wandern, von wo das Gerät seine Macht ausübt. So ist es nicht der Reim "Wie schlimm misshandelt hast du mich, o Liebe! Warum nur stürzt uns diese süße Lust in solcher Schmerzen sehnliches Getriebe!", der meine Aufmerksamkeit in An­spruch nimmt, sondern ein Werbespruch wie: "Birra Moretti, der Geschmack der Ehr­lich­keit". Und es ist nicht die gütige Natur, die mir hohe Freuden und Gaben gönnt, sondern "die fantastische Welt von Gardaland, wo jeder Traum Wirklichkeit wird".
Bald bin ich nicht mehr der Einzige, der an der Glotze hängt. Am Nebentisch hat eine Gruppe einheimischer Männer Platz genommen. Im Fernsehen läuft "Chi vuol essere mi­lionario?", eine identische Kopie auf Italienisch unserer Günter-Jauch-Sendung. Vor der Einführung des Euro in Italien hieß die Sendung übrigens "Chi vuol essere miliardario?"
Was waren also Han van Meegeren und Elmyr de Hory? Berühmte Falschspieler, Bauch­red­ner, Spione oder Kunstfälscher? Wie könnte ich mich bei einer solchen Preisfrage auf meine Antipasti konzentrieren?
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Piazza Leopardi in Recanati Leopardi-Denkmal
Vom "secondo" (Hauptgang) lenkt mich etwas später eine Nachrichtensendung ab. "Frau erregte Anstoß, weil sie in einer Bar ihr Kind stillte". Tatort: die Cin Cin Bar in Monza, in der aufgeklärten Lombardei. Die junge Frau hatte sich in eine Ecke zurückgezogen, um so dezent wie möglich ihr Kind an die Brust zu nehmen, als der Inhaber sie in bar­schem Ton des Lokals verwies. Darüber entzündet sich bei meinen Tischnachbarn eine hitzige Diskussion. Merkwürdigerweise verteidigen einige der Männer sogar das Verhal­ten des Barinhabers.
Bald schließt sich ein weiterer Mann der Tafelrunde an. Wie ein Pascha betritt er in Ge­sellschaft von zwei auffallend gut aussehenden Frauen das Restaurant. Ich muss mir lan­ge den Kopf über diese heterogene Verbindung zerbrechen, ehe ich eine Ver­mu­tung auf­stellen kann. Erst als ein Mann aus der Gruppe, der sich mit seiner roten Hose und affek­tiert wirkendem Verhalten von der Durchschnittlichkeit der anderen abhebt, eine der Frauen anspricht, bekomme ich ein paar Elemente, um dieses Rätsel zu lösen.
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Die Torre Civica in Recanati In einem Restaurant in Recanati

Die Russen kommen

"In Russland" behauptet er, und untermauert sein Wissen mit der Behauptung, schon mit der transsibirischen Eisenbahn gereist zu sein, "sind nur noch wenige Männer ge­blie­ben. Und die sind alle ständig betrunken." Während die hübschere Blondine schweigt, kon­tert ihre resolut wirkende Freundin, die ohne Zweifel Italienisch mit russischem Akzent spricht, schlagfertig: "Hast du vielleicht Gefallen an Männern?". Und als weiteren Seiten­hieb: "In Russland ziehen sich die, die Geld haben, gut an, in Italien hingegen, von wo die schön­ste Mode kommt, sind die Männer schlecht gekleidet. Welche Frau geht denn schon mit euch? Eine arme Rumänin, vielleicht!" Die Bemerkung erzielt seine Wir­kung! Stotternd rechtfertigt sich der Möchtegern-Beau: "Ich habe viel Geld, und das gebe ich aus, wie ich will!".
Italienische Mode genießt in Russland ein hohes Ansehen. Es rentiert sich, in kleineren oder größeren Mengen Modeware in Italien einzukaufen, und sie dann in St. Petersburg oder Moskau mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die Russinnen sind selbst mit Produkten von Dolce & Gabbana ausgestattet. Jetzt bekommt die Rolle ihres Begleiters langsam Züge. Er wird vermutlich Inhaber eines Modegeschäfts sein.
Zu später Stunde kommt ein weiterer Mann dazu. Unrasiert, schlampig angezogen und mit grimmigen Blick. Und doch: "Ihr seid mir vielleicht schlecht erzogen", sagt er, "da habt ihr zwei schöne Frauen am Tisch, und lädt sie nicht einmal auf einen Wein ein!".