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Apulien: Reiseführer mit vielen praktischen Tipps
 
Apulien: Reiseführer mit vielen praktischen Tipps
     
   
14. April
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Am Gargano, Küste bei Vieste
Gargano: Strand nördlich von Vieste
Apulische Küche
Sollte ich jemals gedacht haben, dass sich die Armut des italienischen "Mezzogiorno" auch im Essen widerspiegele, hätten mich allein die zwei Tage in Vieste, an der Halbinsel Gargano in Apulien eines Besseren belehrt. Der Ort scheint fast nur aus Gaststätten, Pizzerias und Restaurants zu bestehen: "Pizzeria principe", "Ristorante Tavernetta", "Pizzeria la bottega di Pasquale", "Osteria degli archi", "Pizzeria antico forno", "Osteria al torchio", "Ristorante Padre Pio", "Ristorante la scogliera", "La taverna del conte", "Ristorante il cenacolo", "Pizzeria pizzicotto", "Ristorante la cambusa" "La taverna del Buda", nur um einige zu nennen.
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Die ersten positiven Hinweise auf die Esskultur eines Landes oder einer Region sind die Viel­falt, die man auf den Speisekarten findet, und die Tatsache, dass diese nicht wie Klone jener von anderen Regionen oder Ländern aussehen. Welch ein Genuss bereitet mir schon allein das lesen der Speisekarte in der "Taverna al Cantinone"!
"Maccarunciddi ai gamberi e funghi porcini" (Makkaroni mit Krabben und Steinpilzen)
"Orecchiette con cime di rape" (Orecchiette mit Stängelkohl)
"Favette e cicoria con crostini" (Dicke Bohnen mit Zichorie und geröstetem Weißbrot)
"Broccoli con porcini e salsiccia" (Broccoli mit Steinpilzen und Bratwurst)
"Risotto con gamberi e zucchine" (Risotto mit Krabben und Zucchini)
"Stufato di alici con rape" (Schmorbraten von Sardellen und Rapskohl)
"Orecchiette con gamberi e zucchini" (Orecchiette mit Krabben und Zucchini)
"Melanzane ripiene con pane gratuggiato, pecorino stagionato e uova" (Mit Semmelbröseln, Pecorino-Köse und Eiern gefüllte Auberginen).
"Früher", erzählt mir der Wirt, "kauften die Leute den Pecorino-Käse nur einmal im Jahr und ließen ihn bei sich zu Hause reifen". Der etwas rundliche, behäbig wirkende Mann
Bild vergrössern spricht langsam und sehr deutlich und be­schreibt mir die Zubereitung der Gerichte mit äußerster Genauigkeit, als wolle er mich als Kochgehilfen einstellen. "Es ist nicht lan­ge her", setzt er fort, "da aß man während der Woche ausschließlich Pasta. Nur am Sonntag kam, falls man es sich leisten konn­te, ein Hauptgang dazu: gefülltes Gemüse, Fleisch oder Fisch".
Zum Essen empfiehlt er mir einen Negro­ama­ro. Negroamaro ist eine für Apulien typische  Rebsorte. Die meisten Weine der Gegend sind ein Verschnitt aus dieser und
weiteren Rebsorten, wie beispielsweise der Nero di Troia und Sangiovese. Der kräftige Wein schmeckt vorzüglich sowohl zu den Orecchiette als auch zu den Auberginen für die ich mich entschieden habe. Sein ausgeprägtes Fruchtaroma erinnert ein wenig an schwar­zen Johannisbeeren. Um das Abendessen abzurunden, denke ich an einen Limon­cello ein, der Wirt schwärmt aber derart von dem von seiner Frau zubereiteten Lorbeer-Likör, den Lauricello, dass ich für diesen entscheide. Ein interessanter Geschmack!
15. April
Antonio und Nicola
Seit 1914 liege das Wrack schon hier, im seichten Wasser vor der Promenade von Vieste, erzählt der achtzigjährige Nicola. Er selbst habe es zwar nicht erlebt, die Ge­schich­te habe er aber aus erster Quelle, nämlich von seinen Vater, Jahrgang 1887. Es sei ein Schlepper der Kriegsmarine gewesen, das durch die schwere See auf den Strand ge­trie­ben wurde und dort auf Grund lief.

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Schiffswrack vor Vieste
Vieste, Altstadt mit "Giardino pubblico"
Damals habe es diesen "Stadtpark" (eigentlich nur eine gepflasterte Fläche mit Palmen) noch nicht gegeben, fügt Antonio, ein etwas jüngerer Kumpel Nicolas hinzu. Der Strand sei noch bis zu den Häu­sern gekommen. Daraufhin Nicola stolz: "Ich habe diese "giardini pubblici" (Parkanlage) mitgestaltet. Jede einzelne Palme habe ich damals, 1957, eigen­hän­dig gepflanzt. Und so entspinnt sich eine interessante Debatte über Arbeit, Aus­län­der, Emigranten. 37 Jahre habe Antonio in Deutschland gelebt. Sein Vater habe damals in die Emigration gehen müssen. Wäre er in Italien geblieben, wäre er vermutlich Terro­rist geworden, so schlimm seien die Verhältnisse gewesen. /td>
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Nicola aus Vieste
Der Hauptplatz von Vieste
"Ohne Beziehungen bekam man damals keine Arbeit", fährt Nicola fort, "Man war der Willkur der 'padroni' - 'Herren' – ein Wort, wie aus dem Mittelalter – völlig ausgeliefert". Kommunisten wie sein Vater hätten hier im Süden, wo die Konservativen herrschten, keinerlei Chancen gehabt. Viel habe sich seit damals aber nicht geändert, berichtigt ihn Antonio, der arbeitslos ist und im Sommer als Badmeister oder als Koch ein karges Ein­kommen erzielt. Wenn er sich irgendwo bewer­be, werde kaum nach seinen Qualifi­ka­tionen gefragt, betont er, sondern ausschließlich nach "chi lo manda" (wem ihn ge­schickt habe). Mehrmals sei es nach einer Zusage geschehen, dass plötzlich ein anderer den Job bekommen habe, ein "raccomandato" (Günstling, Empfohlener).
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Jugend in Vieste
In den Straßen von Vieste
Als Nicola gegen die Ausländer wettert, die für Billiglöhne den Einheimischen die Arbeit wegnehmen, widerspricht ihm Antonio, der selbst mit einer Rumänin verheiratet ist. Nicht die Ausländer seien schuld, es seien die "padroni", die die Not der Immigranten ausnutzten, um sie mit Billiglöhnen auszunutzen. Es gebe nach der rasanten Entwicklung des Tourismus in dieser Gegend Dutzende von Euromillionären, Hoteliers, Pension- und Restaurant­be­sitzer, Campingplatzeigner. Und diesen traten auf wie wie "padroni". Als habe es in den letzten Jahrzehnten kei­ner­lei soziale Entwicklung gegeben.
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Ballspielen vor dem Strand in Vieste
Der "Faraglione" Pizzomunno
Nichts habe sich, trotz des neuen Reichtums in Vieste, wirklich geändert. Antonio hätte fast seine Arbeit zu Gunsten eines anderen "raccomandato" verloren. Nur die Inter­ven­tion eines befreundeten "assessore" (Landrats) habe ihn gerettet.
Es konnte nicht ausbleiben! Zu Mussolinis Zeiten sei man ge­rech­ter behandelt wor­den, seufzt der alte Nicola.
Antonio ist unterdessen in Schwung gekommen. Leidenschaftlich schimpft er auf Be­hör­den und Carabinieri. Die Behörden seien über­besetzt und niemand, der einen "posto fisso" (eine feste Stelle) habe, leiste wirklich ernste Arbeit. Wenn man bei einem Amt jemand suche, sei der Gesuchte gerade in der Bar oder in die verlängerte Mittagspause gegangen. Vigili (Gemeindepolizisten) würden kaum Strafzettel vergeben und wenn doch, dann nur nach eigenem Gutdüngen. Für einen nicht angelegten Gurt seien Stra­fen von 50 bis 500 Euro möglich. Aber nur der, den sie auf dem Kieker haben, muss letzt­endlich bezahlen. Antonio hat nur Respekt vor der einzigen "vigilessa" (weiblichen Po­li­zeibeamtin) in Vieste, die sogar ihrem Bruder einen Strafzettel ver­pass­te.
In einem kleinen Ort wie diesem, in dem sich alle kennen, sei es unvermeidlich und ganz normal, dass beim eigenen Schwager oder Cousin oder Freundesfreund ein Auge zugedrückt werde. Nur die Beamten der Guardia di Finanza (Finanzpolizei) und der Polizia di Stato (Staats­polizei) seien korrekt und behandelten alle gleich. Die Carabinieri würden manch­mal besonders erbarmungslos sein. Ein falsches Wort, und im Nu habe man eine Anklage wegen "offesa a pubblico ufficiale" (Beamtenbeleidigung) am Hals.
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Abendstimmung in Vieste
In den Gassen von Vieste
Abends treffe ich Antonio wieder. Diesmal erzählt er mir etwas Unglaubliches: Von den etwa 500 bagnini (Bademeistern), die an der Küste arbeiteten, könne ein hoher Pro­zent­satz nicht oder nur unzureichend schwimmen. Die Arbeitgeber (Campingplätze, Clubanlagen, Hotels)  hätten bei deren Einstellung nur die geringeren Gehälter (etwa 800 Euro im Monat bei Halbjahresverträgen) im Auge. So würden die bagnini fast aus­schließ­lich mit Reinigungs- und Kellneraufgaben betraut. Viele seien auch nur schwarz angestellt und noch schlechter bezahlt. Auch fehlten zeitkonforme Rettungsboote mit Außen­bord­mo­toren. Er selbst habe die Bademeisterprüfung in Deutschland gemacht und sei beim ersten Mal durchgefallen, weil er es nicht geschafft hatte, einen Badenden in der Rückenposition 1 1/2 Stunden lang zu schleppen. Von solchen strengen Anfor­de­run­gen kann man hier nur träumen.
16. April
Der subtile Charme eines bürgerlichen Hotels
Sollte ich gedacht haben, im stilvollem Ambiente des Hotels Il Paradiso, im kleinen Ort Amandola in den Sibilliner Bergen (Marken-Umbrien), der einzige Gast zu sein, täuschte ich mich. Als ich in den Speiseraum eintrete, sitzen die Gäste bereits alle an ihrem angestammten Platz. Eine vornehme Stille hallt durch den meterhohen Raum. Selbst Flüstern wirft Echos.
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Die "Monti Sibillini" In den Gassen von Amandola
"Cosa le portiamo?" (Was wünschen der Herr?)
Für den "primo" (ersten Gang) habe ich die Wahl zwischen:
"Pappardelle fatte in casa con sugo di lepre" (Hausgemachten Pappardelle mit Hasen­ragout), "Penne alle puttanesca con capperi e peperoncino" (Penne auf "Nuttenart" mit Kapern und Chili) oder"Ravioli alla ricotta con salvia" (Ravioli mit Ricotta und Salbei).
"Di secondo avremmo" (Als zweiten Gang hätten wir):
"Agnello alla griglia" (Gegrilltes Lamm), "Lombatina di vitello" (Kalbslendenstück) oder
"Scaloppina al limone" (Kalbsschnitzel "natur" mit Zitronensoße).
"Di contorno" (als Beilage):
"Patatine, carciofi, insalata mista" (Pommes, Artischocken oder gemischten Salat).
Um die Beklemmung, die dieses Ambiente bei mir auslöst, ein wenig zu mildern, muss ich schleunigst ein Viertel Rotwein bestellen.
Bis auf den jungen Burschen am Nachbarstisch, der ein weißes T-Shirt trägt, haben sich alle in Schale geworfen. Beim Paar am linken Nebentisch hat der graumelierte Herr so­gar einen weißen Strickpullover an - schließlich ist es in der feinen englischen Gesell­schaft so üb­lich!
Und die Tischdecken? Natürlich sind die auch eines blütenreinen, wenn auch durch all die Saucen stark gefährdeten Weiß. Aber Weiß mit Pappardelle? Hat denn niemand eine Ahnung davon, wie schwer Pappardelle um die Gabel zu wickeln sind? Und die Stücke des Hasenragouts? Da muss ich kräftig säbeln, um die Knochen vom Fleisch loszulösen. Nach dem zweiten Gang schiele ich verstohlen zum Nebentisch: Das Tischtuch ist dort immer noch blütenweiß. Auch der Ungestüm des Jungen konnte seinem Weiß nichts anhaben. Nach was für einem Schlachtfeld sieht hingegen meine Tischdecke aus! Waterloo? Mir ist als würden alle, sogar die überspannt wirkende Jungfer am Ende des Saals vornehm herablassend auf die Tomatensauceflecken auf mei­nem Tisch starren. Ich gebe mich lässig, lege unauffällig meine Serviette auf die schlimm­sten Stellen und bestelle ein Dessert.