Mittwoch, 29. Mai
Lucca
ine Taube läuft, bei jedem Schritt mit dem Kopf nickend, gurrend zwischen meinen Füßen umher. Ein paar Meter weiter führt eine Reiseführerin mit hochgehaltenem roten Fähnchen eine Touristenschar in die Piazza dell'Anfiteatro. Sie halten sich fünf Minuten auf, dann eilen sie weiter.
ch befinde mich im schönen Lucca - Luk ist übrigens das etruskische Wort für "Sumpf" - und bewundere das Stadtbild. Elemente aller historischen Epochen koexistieren in perfekter Harmonie, die Struktur der Stadt ist langsam gewachsen, das Ensemble in sich geschlossen. Die breite Platanenallee, die auf der alten Stadtmauer angelegt worden ist, symbolisiert diese jahrhundertalte Substanz.
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Lucca, diese stolze Stadt, die der Unterwerfung der Toskana durch Flo­renz widerstand, wirkt auf mich reich, bürgerlich "norditalienisch", Ihre Geschichte ist die einer freien Stadt von Handwerkern, Kaufleuten und Bankiers. Die Herstellung von Seiden und Brokatstoffen war u.a. Luccas Spezialität. Vorübergehend (bis der diplomatische Druck des Papstes es verhinderte) fasste, fast einzigartig in Italien, sogar der Protestantismus Fuß, so groß war die religiöse Toleranz in dieser Stadt.
ucca ist eine Stadt der Radfahrer, das ganze Zentrum ist eine Fuß­gän­gerzone. Zwar scheint niemand die Autos daran zu hindern, durch­zu­fahren, dennoch sind Radfahrer und Fußgänger in der Mehrzahl. Für Touristen gibt es sogar einen Fahrradverleih.
er in jedem Reiseführer abgebildete Platz (die Piazza del Mer­cato, der Innenraum des ehemaligen Amphitheaters) ist für mich eher enttäuschend. Im tagsüber harten und kontrastreichen Sonnenlicht wirkt dieser Platz nüchtern, die im Freien aufgestellten Tische sind leer, die einzigen Gäste scheinen Touristen zu sein, er wirkt befremdend und ungemütlich. Mich stören an dieser architektonisch an sich fast perfekten Stelle insbesondere die geparkten Autos, die den Betrachter brutal ins zwanzigste Jahrhundert versetzen.
ährend der heißen Mittagsstunde sitze ich am liebsten träge an der Bar oder im Restaurant im Freien und beobachte, schreibe, reflektiere, nippe an einem Glas Weißwein. Unter dem gleißenden Licht inspiriert mich Lucca trotz seines angeblichen Charmes nicht besonders. Die Aussicht von der Torre Guinigi ist zwar schön, das Gegenlicht lässt die Stadtansicht aber blendend und flach erscheinen. Und die jungen, hüb­schen Mädchen im Minirock wollen einfach nicht auf der Vespa vor meiner Kamera hin und herfahren. Scharenweise laufen hingegen die Touristen von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Ich treffe sogar einen Kollegen aus München. Man ist unter sich. Paarweise oder in der Herde sind sie unterwegs, leicht an ihren kurzen Hosen und Sandalen zu erkennen. Mit Strohhüten versuchen sie dem Image des eleganten, lässigen Südländers zu entsprechen.
ie wirken sympathisch auf mich, sie haben letztendlich mehr Klasse als viele ihrer Landsleute am Strand, sind fast rührend in ihrem Be­dürf­nis nach Kultur, und ich kann nicht umhin, Verbundenheit mit ihnen zu spüren. Sie essen Pizza, Pizza und nochmals Pizza. In manchen Res­taurants hat man sich schon völlig auf sie eingestellt. Mancherorts wird sogar Bier in Weißbiergläsern serviert. Mein Tischnachbar, der etwas hilf­los die Speisekarte unter die Lupe nimmt, spricht mich gleich auf Deutsch an, identifiziert mich also als Landsmann, als Touristen.
Lucca scheint den meisten Touristen aber nur ein Tagesbesuch wert zu sein, denn während ich hier am Abend auf der Piazza bei einem Bier (!) sitze, sind die Italiener wieder in der Überzahl: beim Aperitif, beim Es­sen, beim Flanieren. Wenn man von den geparkten Autos absieht, ist der Platz tatsächlich beeindruckend. In der Stunde, in der die Lichter an­gehen, es aber noch nicht dunkel ist, und in dieser frühen Saison, in der die Bars noch leer sind, ist es ein Genuss, draußen zu sitzen und nichts zu tun.
Donnerstag, 30. Mai
Villen der Toskana
a ich beabsichtigte, die berühmte Villa Mansi zu besichtigen, gleich in der Früh, um keinesfalls das beste Licht zu verpassen, stand ich verhältnismäßig zeitig auf, stieg ins Auto, und nach einer kurzen Fahrt stand ich da - vor verschlossenen Toren. Öffnungszeit 10 bis 12 Uhr 30! Also nichts wie Ärger runterschlucken und zur Villa Torrigiani wei­ter­fahren, keine 10 Autominuten entfernt.
reilich war die Lage bezüglich Öffnungszeiten hier auch nicht viel anders. So hieß es eine Stunde warten oder sich anderswie be­schäf­tigen. Doch bald öffnete eine toskaner Schönheit das Gartentor, ließ mich eintreten und merkte mich für die nächste Führung vor. Ich hatte sogar die Wahl, mich einer deutschen Gruppe anzuschließen oder einer, die aus Bel­gie­rin­nen bestand. Während das junge Mädchen auf die an­gekün­dig­ten Gruppen wartete, blätterte sie noch kurz im Rei­se­führer, um ihre Lektion auf­zu­frischen. Dann machte ich mich im Park auf Motivsuche.
ch habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Führungen: Man trottet in der Herde, hat für jede Sehenswürdigkeit nur eine knapp bemessene Zeit und weiß im Nachhinein nicht mehr als das, was sowieso in jedem Reiseführer steht. Da man diesen aber bekanntlich nur selten liest, ist man als Individualreisender letztlich doch im Nachteil.
o schloss ich mich der Gruppe aus Stuttgart an, deren Reiseführer nicht nur die Erläuterungen der Fremdenführerin in ein makelloses Deutsch übersetzte, sondern ihnen auch einen Sinn gab, indem er sie um in­te­res­santes Hintergrundwissen ergänzte. So bekam man nicht nur zu hören, dass die Villa dann und dann gebaut wurde, dass die Fassade dieser Renaissancevilla im 17.Jh. im Barockstil umgestaltet wurde, nein, der junge Mann, der sich perfekt auf Schwäbisch und Italienisch ausdrücken konnte, erzählte uns mehr.
n die dreihundert Herrschaftshäuser soll es in der Umgebung von Lucca noch geben, erfuhren wir - allesamt in Privatbesitz. Was auch der Grund für ihren nicht immer optimalen Erhaltungszustand sein soll, denn die Subventionen fließen spärlich und die Geneh­mi­gungs­hür­den sind lang­wierig. Aber liegt nicht gerade in solch einem ver­nach­läs­sig­ten Zustand ein großer Teil des Charmes solcher Gebäude?
twa ab dem 14. Jahrhundert, erzählte er weiter, fingen die Adligen an, aufs Land zu ziehen und sich dort ihre Sommersitze zu er­rich­ten. Im Laufe der Zeit wurden einige dieser Residenzen immer präch­ti­ger. So entstanden einerseits wenige Monumentalvillen, die nur dem Vergnügen dienten, andrerseits eine große Anzahl bäuerlicher Anwesen, die hauptsächlich auf landwirtschaftlichen Nutzen ausgerichtet waren, und zwar überwiegend auf Olivenanbau und Seidenraupenzucht. In den Monumentalvillen wurden die zahlreichen natürlichen Wasserquellen, die aus dem Apennin entsprangen, für belustigende Wasserspiele und zur Erfrischung an heißen Sommertagen durch raffinierte Gartenanlagen genutzt, in den bäuerlichen Anwesen wurde das Wasser hingegen für die Landwirtschaft verwendet. Die bereits erwähnte Seidenraupenzucht und die Seidenherstellung war besonders um Lucca herum sehr ver­brei­tet und diente vielen Adeligen und reichen Kaufleuten als Kapitalanlage.
ir zogen von Raum zu Raum, bestaunten die Pracht, die sich un­seren Augen bot und hörten fasziniert den Erzählungen zu. Die erste Besitzerin der Villa Torrigiani war eine Fam. Buonvisi, die in dieser Gegend notabene die stolze Zahl von 15 Villen besaß; erst 1816, als eine Buonvisi in die Familie Torrigiani einheiratete, bekam das Anwesen seinen heutigen Namen. Seit drei Jahren gehört es nun den Colonnas aus Rom. Übrigens: Im Sommer wird das obere Stockwerk bis zum heu­tigen Tag noch bewohnt! Und vor einigen Jahren soll es sogar Ge­sprä­che mit dem englischen Königshaus gegeben haben, über den Er­werb der Villa; ein Vorhaben, das jedoch am Widerstand der hiesigen Be­völ­kerung scheiterte.
ls uns die Fremdenführerin in einem der Schlafzimmer eine reich verzierte, kunstvoll mit Kamelienmustern bestickte Schlafdecke zeigte, ergänzte der schwäbische Toskaner diese Information um die Bemerkung, dass die Kamelie noch immer eine weit verbreitete Gar­ten­blume sei. Nebenbei erwähnte er auch, dass das (offene) Himmelbett eine französische Besonderheit gewesen sei, die für Italien nicht typisch war. Hier zu Lande war der geschlossene Baldachin üblich (das Wort Baldachin stammt übrigens von "Bagdad"). Er fuhr mit der Anmerkung fort, dass die Deckenfresken meist eine Öffnung zum Himmel darstellten, weil man den Eindruck vermitteln wollte, im Freien zu wohnen. Religiöse Motive seien in all den Villen nicht zu finden, schließlich kam man ja hier­her, um zu leben. Die Fresken, meist mythologische Szenen, die wir in voller Schönheit bewundern konnten, wurden seit ihrem Entstehen niemals restauriert, und sahen dennoch wie neu aus.
o wie der junge Mann es tat, wünsche ich mir, dass Kunst und Ge­schichte immer vorgetragen würden. So kann ein Bild entstehen, welches es einem mühelos erlaubt, sich in die Menschen, in ihr Leben und in ihre Zeit hineinzudenken. Als er uns, nur um ein Beispiel zu nen­nen, darauf aufmerksam machte, dass die meisten dieser Mo­nu­men­tal­vil­len auch ein kleines Theater besaßen, entstand augenblicklich vor meinen Augen das lebendige Bild einer Gesellschaft, die im Sommer die heißen, staubigen Städte floh und alles, sogar die Kultur aufs Land verlagerte. Im Gegensatz zu den Monumentalvillen wurden die bäu­er­li­chen Anwesen von den Adeligen (oder den reichen Bürgern) zum Zweck der Bewirtschaftung verpachtet. Dies funktionierte nach dem System der so genannten mezzadria (Halbpacht), bei der die Bauern zwar alle Ge­räte geliefert bekamen, aber jeweils die Hälfte der Erträge abgeben mussten. Dass sich im Laufe der Zeit viele Eigentümer die teuren Anwesen nicht mehr leisten konnten und so diese von den Bauern aufgekauft werden konnten, erscheint in diesem Zu­sam­men­hang fast wie eine ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte.
Mittags, in Collodi
ie Terrasse des Restaurants ist für eine ausschließlich aus Frauen bestehende Reisegruppe aus Belgien reserviert, der ich bereits bei der Besichtigung der Villa Torrigiani begegnet war. Nun verfügen sie über ganze 45 Minuten für ihr Mittagessen. Der Chef bittet mich deshalb um Verständnis, ich solle mich ein wenig gedulden, bis die Gruppe ab­gefertigt ist. Der Gedanke an die Stille, die herrschen würde, wenn die etwa 35 gleichzeitig munter auf Französisch plaudernden Damen wieder abgereist sein würden, verhilft mir zu großer innerer Ruhe. In der Mit­tagshitze gibt es sowieso nichts Besseres als sitzen, Wein trinken, und die Ereignisse des Vormittags verarbeiten.
35 Mal Antipasti, 35 Mal Tortellini, 35 Mal Macedonia, und schließlich Caffé und Cappuccino. Der Koch kommt kurz aus der Küche, um von der belgischen Damenriege den verdienten Applaus zu ernten, und erwidert in perfektem "Französisch": "Perché qui tutto è", und hier macht er eine Pause, um seine gesamten Sprachkenntnisse zu sammeln, "only frisch". Nochmals Applaus.
Jetzt nach der Massenabfertigung hat auch der Chef noch etwas Zeit, sich mit mir zu unterhalten. Er erzählt begeistert von seinen langen Jahren auf See, in denen er sogar bis Japan gekommen sein will. Als er eines Tages bemerkte – und hier kommt er stolz zu seiner Kern­aus­sa­ge –, dass er zu Hause eine 18-jährige Tochter hatte, die er kaum kannte, fasste er den Beschluss, auf die Gastronomie umzusatteln. Wie es ihn, als Sizilianer, aber gerade hierher nach Collodi geführt hat, erzählt er nicht.
ie Villa Garzoni mit ihrem berühmten barocken Landschafts­gar­ten, der ebenso berühmten (und auch in jedem Toskana-Fotobuch zu findenden) Treppe, den Statuen, dem Bambuswäldchen und all den anderen Details, die mit subtilem Charme einen sanften Verfall doku­mentieren, verfehlt nicht ihre Wirkung auf mich. Die Villa selbst ist zwar wegen Restaurierung nicht zu besichtigen, aber ich bin nach dem reich­lichen Mittagessen sowieso nicht mehr aufnahmefähig.
So schlendere ich eine Weile eher lustlos herum, warte wie üblich auf das fotogene Nachmittagslicht und unterhalte mich in der Zwischenzeit mit der Eintrittskarten-Verkäuferin, einer jungen Frau mit einem bäu­er­lichen, fast männlichen Gesicht, das auf ihre Art doch attraktiv ist.
Anschließend geht es den Berg hinauf in das hübsche
Dorf Collodi, den Geburtsort von Carlo Lorenzini, Autor des weltbekannten Kinder­mär­chens "Pinocchio", dessen Walt-Disney-Version mich als Kind so fasziniert hatte.