Donnerstag, 6. Juni
ch ahnte es bereits, und Fräulein Monica konnte es mir bestätigen: Die letzte Nacht hatte ich im Kloster Sant'Anna mutterseelenallein ver­bracht. Welch ein faszinierender Gedanke, dass der Kreuzgang, der Gar­ten, die Kirche, die ehemaligen Zellen der Mönche, allesamt einsam und verlassen gewesen waren. Mein Zimmer (das einzige mit Schlüs­sel) war zwar verschlossen gewesen, aber sonst hatte es nur verlassene Räume gegeben, die dunkle Nacht und Einsamkeit im Umkreis von meh­reren Kilometern. Und draußen hatten nur die absolute Dunkelheit und all die Geräusche der Stille geherrscht.
er Kellner der Bar della posta wies mich bei meinem letzem mor­gend­lichen Cappuccino in Pienza darauf hin, dass Pienza die erste Stadt der Welt war, die nach einem ordentlichen Bebauungsplan errichtet wur­de. Er verriet mir auch, nicht ohne dabei zu schmunzeln, dass Pius II die Paläste für seine Kardinäle mit Absicht in dieser Stadt bauen ließ, "um sie besser kontrollieren zu können". Sie wurden sogar durch eine päpstliche Bulle gezwungen, darin zu woh­nen. Überhaupt scheint dieser Papst eine außergewöhnliche Persön­lich­keit gewesen zu sein. Er wurde erst im Alter von vierzig Jahren zum Priester geweiht, denn vorher hatte er mit der "Enthaltsamkeit" Schwie­rigkeiten gehabt, erfuhr ich von einer hübschen italienischen Frem­den­führerin, als sie ihre Herde aufklärte.
Weiterfahrt
ch fuhr weiter auf der via Cassia in Richtung Süden. Sommerwetter, sonnig, diesig und heiß, begleitete mich. Man musste im Geist erst den weißen Schleier aus der Luft weg­denken, um die Schönheit der Land­schaft zu entdecken. Und doch fuhr ich mit Interesse und Begeisterung durch diesen Teil des Landes. Die Hitze brachte auch eine besondere Stim­mung mit sich. Etwas Arch­aisches lag in ihr. Die seit Jahr­tausenden alljährlich immer wie­derkehrende Trockenheit, die schwere, drü­cken­de Decke der Hitze auf Feld und Flur, das Fehlen von Schatten, das Sichauflösen der Farben, all das vermittelte mir sehr plastisch alle Mühen der Menschheit und darüber hinaus ein fesselndes Bild der Endlosigkeit und Unver­än­der­lichkeit der Zeit.
ie Landschaft war auch hier im tiefen Süden der Toskana sehr ab­wechslungsreich, ließ aber ganz andere Nuancen als die Crete er­kennen. Bergig und grün war nur die Gegend um Sorano, der Ort selbst, wieder ein wahrhaftiges Adlernest, aus dem Tuffstein entstanden und mit ihm verwachsen. Von welcher Seite ich ihn auch beobachtete, bot er ein anderes, aufregendes Bild, malerisch und ursprünglich zugleich. Die Lage auf dem hohen Felsen und die Erosion, so las ich im Führer, mach­ten der Stadt jedoch schwer zu schaffen. So sei vor allem der Südhang Soranos mittlerweile Geisterstadt mit teilweise abgestürzten Ruinen.
erfestigte vulkanische Asche, das ist Tuff, kein hartes Gestein. Flüsse können sich tief eingraben, Wind und Regen bizarre Formen erzeugen, Städte können daraus gebaut werden und genauso leicht mit ihm zerbröckeln. Die ganze Umgebung ist aus dem Tuffstein entstanden, sogar die Straße ist regelrecht in den Tuffstein, aber von Menschenhand, "geschnitten" worden. Es lag Regen in der Luft, und ich wollte wei­ter­fahren.
Ich fuhr weiter in Richtung Sovana, der Etruskerstadt. Hier verdichtete sich die feuchte, drückende Gewitterstimmung noch weiter, sie klebte in der Luft, man spürte sie auf der Haut, sie verdunkelte den Nachmittag zum Abend und man erwartete jeden Augenblick den erlösenden Regenguss.
Sovana
ls die ersten dicken Tropfen endlich fielen, konnte ich gerade noch rechtzeitig in die kleine präromanische Kirche S. Maria flüchten, die sich am oberen Ende des lang gestreckten Hauptplatzes befand.
Hier wurde ich Zeuge einer mich sehr bewegenden Szene. Der in ein grüngoldenes Messgewand gekleidete Priester war gerade im Begriff, eine Messe zu zelebrieren für sage und schreibe nur zwei alte Frauen. Eine weitere kam etwas später noch hinzu. Das Innere der Kirche wirkte sehr schlicht, es fehlte vollständig der Prunk der späteren Jahrhunderte, ich konnte mich fast eine Urchristengemeinde in ihr vorstellen.
Die beiden Frauen zündeten eine Kerze an und legten das Evan­ge­lien­buch, auf der richtigen Seite geöffnet, auf den Altar. Es war mucks­mäus­chenstill. Ich sah gespannt zu. Alle Gesten waren wie exakt einstudiert, langsam und würdig ausgeführt. Der Priester begab sich zum Altar, küss­te ihn, machte mit ruhigen Handbewegungen das Kreuzzeichen, von der Stirn zur Brust, von einer Schulter zur anderen. Er be­te­te, die Frauen be­teten mit ihm. Er hielt eine kurze Predigt, las aus den Evangelien, betete weiter und erntete wieder das Echo der Frauen, langsam, gleichmäßig. Wie ein hypnotisierendes Brummen hörte sich dieses gemeinsame Gebet an. Der Geistliche strahlte große Ruhe aus, seine Stimme war angenehm tief, seine Worte wurden ohne Pathos ausgesprochen und ohne den Litaneiton, den man in der Kirche so oft hört.
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Als er zum Vater Unser kam, wirkte dieses Gebet, dessen Wortlauf ich fast verlernt hatte, so natürlich auf mich, und so aussagekräftig, dass ich mit ungewohntem Behagen zuhörte. Und so fiel mir zum ersten Mal auf, wie sehr dieses Gebet wirklich die sehnlichsten Wünsche der Mensch­heit ausdrückt: die Zuwendung eines Vaters, das tägliche Brot, und vor allem – Freud hätte es nicht besser formulieren können – den Wunsch, dass das Geben-Nehmen-Konto ausgeglichen werde, damit man sich, anders ausgedrückt, nicht in der Schuld fühle, und niemand in unserer. Ein Meis­terwerk der Psychologie.
Anschließend formulierte er das Mysterium der Umwandlung von Wein und Brot mit einer solch uberzeugenden, modernen Wortwahl, dass sie auch jeder Nichtgläubige hätte akzeptieren können. Ruhig goss er den Wein in den Kelch, mischte etwas Wasser hinzu, trank daraus. Sprach die Dank­gebete.
Als die drei Frauen die Heilige Hostie empfingen, bewunderte ich die Kraft solcher Riten. Mit Ruhe und langsamen, einstudierten Gesten wischte der Priester mit dem Purificatorium (Reinigungstüchlein) den Kelch aus. Kein Wort Lateinisch wurde während der Messe gesprochen, nur klare, ver­ständ­liche italienische Worte, und zum Schluss hieß es nicht "ite, missa est", sondern "andate, la messa è finita".
Draußen hatte es während der gesamten Zeremonie gedonnert und geregnet, als ob es eine abgesprochene Choreographie gewesen wäre. Und als das Ende kam, gaben sich die Frauen die Hand, sich gegenseitig Frieden wünschend. So ist es nach der Lithurgiereform üblich geworden, aber auch diese Szene der Verbrüderung verfehlte nicht seine Wirkung auf mich.
ach fast zwei Wochen voller Eindrücke in diesem gesegneten Land en­dete dieser letzte Nachmittag meiner Reise in Hektik, mit lan­gem, unruh­igem Umherirren in Richtung Süden.
rst am späten Abend, als es bereits dunkel war, kam ich in Porto Ste­fano an, wo ich ich in einem teueren, lauten, unattraktiven Hotelzimmer lan­dete. Der muffige Geruch, der im Raum vorherrschte, unterstrich noch mehr seine Trostlosigkeit und hätte fast eine Metapher für meinen Ge­mütszustand an diesem Abend darstellen können.
ach dem Essen in einem kleinen Fischrestaurant schlenderte ich, von Wein und Müdigkeit etwas mürbe gemacht, im Hafen umher. Zu dieser späten Stunde war weit und breit kein Lebenszeichen mehr zu finden, außer die Anwesenheit einer Reihe von Anglern, die geduldig in der Dunkelheit am Kai saßen und auf einen Fang hofften. Die Schwimmer leuchteten im Wasser. Motor- und Segelbote und Fischerkutter, die auf der pechschwarzen Meeresoberfläche vor sich hin schaukelten, waren die Kulisse. Ein paar ältere Boote waren für Reparaturen an Land ge­zo­gen worden. Besonders eindrucksvoll sah eines von ihnen mit seinem statt­lichen Bug und seinen haushohen Segelmasten aus, so dass ich unwill­kürlich an ein Piratenschiff denken musste.
Schlagartig weckten dieser Gedanke und die nächtliche Hafenszene mein schlummerndes Fernweh und meine Reiselust wieder, und unversehens ertappe ich mich dabei, wieder Reisepläne zu schmieden.