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In den "Dolomiti Lucane"
 
   
 
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10. April
Pietrapertosa
Was für ein Kontrast: Nach dem tagelangen auf Achse Sein mit Gleichgesinnten, nach fast einer Woche ununterbrochenem Kontakt mit der Warmherzigkeit der Neapolitaner, jetzt die einsam-wilde Kargheit der Basilicata. Wie verlockend ist aber der grüne und bergige Rücken der Lukanischen Dolomiten (Lucania ist der antike Namen der Basili­ca­ta). Von der Hauptstraße weg und ich bin sofort in einer anderen Welt.
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Ich fahre hi­nauf, hinauf und immer weiter hinauf bis zum Adlernest Pietrapertosa. Ein Juwel von einem Dorf. Das höchstgelegene der Lucania, übrigens.
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In den Lukanischen Dolomiten Pietrapertosa (Lukanischn Dolomiten)
Ein Donner von einer Stimme, ein Bulle von einem Mann, ein Mond von einem Gesicht! Runde durchdringende schwarze Augen, grauer Bürstenschnitt, kräftige Lippen. Merkwürdig, dass mir diese Ge­sichts­züge irgendwie bekannt vorkommen, als hätte ich in der kurzen Zeit, in der ich hier im Süden unterwegs bin, die regional unter­schied­li­chen Gesichtsmerkmale der Menschen bereits kennengelernt. So sah ich in den Marche Phy­sio­gno­mien, die jene Pieros widerspiegelten, in Neapel fielen mir die charakte­ris­ti­schen gebogenen Nasen a la Sophia Loren auf, und hier in der Lucania sind es eben die Qua­drat­schädel und die dicken, schwarzen Augenbrauen vieler Männer.
Er spricht mich – im Süden ist das so üblich – mit "Voi" (Ihr) an. Anfangs kommen nur Bruch­stücke von Sätzen über seine Lippen, er lächelt kaum, wirkt abweisend und ver­legen, und ich frage mich, ob er einen Gast wie mich, der gerade mal zwei Nächte in seinem Hotel verbringen wird, nicht eher als Störenfried betrachtet. In diesem ver­schla­fenen Ort abseits von allem bin ich zumindest eine ungewöhnliche Erscheinung.
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In Pietrapertosa (Dolomiti Lucane)
Auf mei­ne Fragen hin be­ginnt er sich aber zu öffnen und rückt peu a peu mit seiner Le­bens­ge­schichte heraus. Er war siebzehn Jahre alt, als er in die Schweiz auswanderte. Von Erntehelfer in der Landwirtschaft bis zum Hilfsarbeiter und schließlich Metall­ar­bei­ter in der Fabrik hat er alles gemacht. Und er legte – so weit er konnte – das hart ver­dien­te Geld bei Seite, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Irgendwann kam er ins hei­mat­li­che Dorf zurück und erwarb mit dem Ersparten dieses Hotel. Weil aber das Geld im­mer noch nicht für alles ausreichte, ging er wieder für acht Jahre in die Schweiz, wäh­rend seine Familie im Dorf blieb. Das waren harte Zeiten für ihn.
Weil der Koch, sein Sohn, einen freien Tag hat, bereitet heute der Chef persönlich die Speisen zu. Bald steht ein riesengroßer, dampfender Teller Nudeln mit Toma­ten­soße auf mei­nem Tisch. Das ist aber nur der erste Gang, denn kaum bin ich – mit etwas Mühe – damit fertig geworden, folgt schon der zweite: gegrilltes Lammfleisch mit einer mir bis da­to un­bekannten Gemüseart, den "lampascioni". Es handelt sich um die Zwie­beln der wild wachsenden "Schopfigen Traubenhyazinthe", also um Blumenzwiebeln. In Nord­ita­lien werden sie cipollacci genannt. Von der Kon­sis­tenz und dem Geschmack liegen sie etwa zwischen Gemüsezwiebel und Litschi. Köstlich! Wein wird mir dabei vom auf­merk­samen Wirt reichlich und kontinuierlich eingeschenkt.
"Adesso mangio anch’io un pò di pane" (Jetzt esse ich auch etwas Brot), sagt der Wirt, und schon sitzt er am Nebentisch vor einem Teller, der von gegrilltem Fleisch fast überquillt. Er spießt ein stück Lammfilet auf seine Gabel und reicht sie mir herü­ber. "Prendete. Per me è troppo" (Nehmt, für mich ist es zu viel). Etwas später gesellt sich ein weiterer Gast zu ihm. Das Spiel wiederholt sich. Der Gast – wohl ein Freund – wird regel­recht "gefüttert", direkt von der Gabel.
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In Pietrapertosa (Dolomiti Lucane)
In der Konversation mit dem Einheimischen zeigt sich, was mehr als zwanzig Jahre Aus­landaufenthalt für eine Mentalitätskluft hervorgerufen haben. Täglich habe er acht bis zehn Stunden gearbeitet, sagt der Wirt mit Nachdruck. Hier im Dorf seien die Menschen hingegen antriebslos und ohne Initiative. Sie erwarteten alles vom Staat. Als das Ge­spräch zu den extracommunitari (EU-Ausländern) wandert, die besonders hier im Süden auf Ablehnung stoßen, ergreift er für sie Partei. Er sei schließlich auch, wie Millionen Italiener vor ihm, ein Auswanderer gewesen. Jetzt habe er Verständnis für all die Men­schen, die die Not von der Heimat wegführt. Üblicherweise ernten aber auch Rumänen, die nach dem EU-Beitritt in großer Zahl in Italien wirtschaftliche Zuflucht suchten, in Italien nicht viel Liebe. Es heißt dann, sie verdienten sich ihren Unterhalt mit Diebstahl und Prostitution. Auch hier überrascht die aufge­schlos­se­ne Meinung des Wirtes. Ein Skandal für Italien sei es, nicht für die zur Prostitution ge­zwungene fremde Frau.
11. April
Die andere Perspektive
Beim Frühstück komme ich mit dem Sohn des Hotelbesitzers ins Gespräch. Zweiund­zwan­zig Jahre lebte er in der Schweiz (wo er zur Welt kam), jetzt sind es bald zwanzig Jahre, dass er in Pietrapertosa lebt: als Koch und Verwalter im väterlichen Hotel. Mehr noch als bei seinem Vater spricht aus ihm der moderne Mitteleuropäer, dem die Men­ta­lität der archaischen Welt seiner Ursprünge längst fremd ist. Wenn er über die Men­schen aus dem Dorf spricht, klingt er resigniert und seine Worte veranschaulichen die ganze Malaise des "Mezzogiorno", des noch immer ärmeren Südens von Italien.
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In Pietrapertosa (Dolomiti Lucane)
Wie bereits sein Vater meint auch er, die Menschen im Dorf seien nicht in der Lage, aktiv ihre eigene Zukunft anzugehen, ihr einziges Streben sei jenes nach "un posto fisso" (einer festen Anstellung), und das möglichst beim Staat. Auf die Idee, etwas zu unter­neh­men, beispielsweise Malkurse für Touristen anzubieten, kämen sie nie. So werde im Dorf alles beim Alten bleiben.
Wir unterhalten uns auf Deutsch. Eine Sprache, die bei ihm einen unüberhörbaren Schweizer Akzent hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er sehr gerne in der Schweiz geblieben wäre, ein Land, wo er immer wieder seinen Urlaub verbringt, zuletzt mit einem Klassentreffen als Anlass. Seine Geschichte erinnert mich ein wenig an eine Begegnung, die ich vor Jahren mit einer jungen Rumänin im Banat hatte [], bei der auch das "Zurück-in-die-Heimat" das Thema war.
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In Pietrapertosa (Dolomiti Lucane)
Wenn ich ganz ehrlich bin, sind es, neben der intakten Architektur dieses Ortes, den bizarren Felsformationen und die Großartigkeit und Einsamkeit dieser Landschaft, gera­de die Überbleibsel einer archaischen Welt, die mich faszinieren. Die gelben Lichter des abendlichen Dorfes, die fast an eine Weihnachtskrippe denken lassen, die Stille und mein Abendspaziergang etwas außerhalb des Dorfes mit nichts außer den Sternen des Firmaments als Szenerie werden für mich ein Eintauchen ins Ewige, ins Unendliche.