Pfingstmontag, 27. Mai
en Brenner passieren und schönes Wetter finden. Wie oft hatte ich das erlebt. Und wie sicher war ich, dass es keine Ausnahme zu dieser Regel geben könnte. Und doch, diesmal wurde mein Opti­mismus enttäuscht. Von München bis zum Inntal blieb es grau in grau, bei leich­tem Niederschlag. Vom Brenner bis Trient folgten gewittrige Regengüsse und ein heller Streifen am Horizont bei Verona sorgte nur vorü­ber­ge­hend für Hoffnung. Bis Modena war dann der Regen so stark, dass der Verkehr fast zum Erliegen kam, stellenweise hagelte es, die Wiesen am Rande der Autobahn waren davon bald weiß.
rgendwann hörte es dann doch auf. Und als hinter Modena die Stra­ße zu den Apenninen abzweigte, verschwand auch allmählich die lang­weilige Landschaft der Po-Ebene. Aber wie gesichtslos waren noch die Ortschaften Pavullo, Lama und Pievepelago, wie bescheiden er­schie­nen sie mir vor der Kulisse dieser fast alpinen Bergwelt.
Bald ging die mediterrane Vegetation in Laub und Nadelwälder über. Die Landschaft wurde rauer, ursprünglicher. Abetone, ein bekannter Ski- und Erholungsort kündigte sich mit Nebel und Dunkelheit an. Nein, mich emp­fing kein alter, ehrwürdiger, gewachsener Ort, mit dem Charme und der Ausstrahlung eines Thermalbads aus der Jahrhun­dert­wende, son­dern eher eine düstere Lokalität, die beinahe in einem feuchten Schleier ver­schwunden war und mit seinen menschenleeren Straßen fast be­droh­lich wirkte. Es war nicht die Atmosphäre der Vor­saison, es war die eines Herbsttages, wenn alle Urlauber bereits ab­ge­reist sind, wenn keine Menschenseele zu entdecken ist und nur die Trostlosigkeit zurück­ge­blie­ben ist.
So fuhr ich weiter. Und wenn sich der Nebel auch auflöste, der Himmel blieb verhangen.
Dienstag, 28. Mai
Bagni di Lucca
ider all meine Befürchtungen begann der Tag mit herrlich klarem Wetter. Bereits frühmorgens um halb sechs kündigte ein Licht­strahl, der in mein Zimmer drang, einen zauberhaften Sonnentag an. Noch halb verschlafen duschte ich, zog mich an und machte mich auf den Weg. Es war erst halb acht, das Frühstück musste warten. Bagni di Lucca, dieser kleine Kurort mit heißen, teils radioaktiven Thermal­quellen, der sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu einem Treff der in­ter­nationalen Aristokratie entwickelt hatte, entzückte mich jetzt im Son­nen­schein durch sein intimes, vornehm-gepflegtes Erscheinungsbild.
Heinrich Heine, der sich 1829 hier aufhielt, schrieb:
"Die Wohnungen in den Bädern von Lucca nämlich sind entweder unten in einem Dorfe, das von hohen Bergen umschlossen ist, oder sie liegen auf einem dieser Berge selbst, unfern der Hauptquelle, wo eine pittoreske Häusergruppe in das rei­zen­de Tal hinabschaut. Einige liegen aber auch einzeln zerstreut an den Bergesabhängen, und man muß mühsam hinaufklimmen durch Weinreben, Myr­tengesträuch, Geißblatt, Lorbeerbüsche, Oleander, Geranikum und andre vor­nehme Blumen und Pflanzen, ein wildes Paradies. Ich habe nie ein rei­zen­deres Tal gesehen, besonders wenn man von der Terrasse des oberen Bades, wo die ernstgrünen Zypressen stehen, ins Dorf hinabschaut. Man sieht dort die Brücke, die über ein Flüßchen führt, welches Lima heißt, und das Dorf in zwei Teile durchschneidend, an beiden Enden in mäßigen Wasserfällen, über Fel­sen­stücke dahinstürzt, und ein Geräusch hervorbringt, als wolle es die ange­nehms­ten Dinge sagen und könne vor dem allseitig plaudernden Echo nicht zu Worten kommen."
Wie klar war das Licht, und wie frisch die Morgenluft. Ich begab mich auf einen kleinen Weg, immer dem Schild "Chiesetta degli alpini" (Kapelle der Gebirgsjäger) nach. Bald war ich in der dicht wachsenden Ve­ge­ta­tion eingetaucht. Unglaublich, wie üppig und grün sich hier die Natur gibt.
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Der Weg, der sich im Schatten von Platanen, Eichen und Edelkastanien stellenweise entlang eines tiefen Grabens hinzog, war von einem alten, an mehreren Stellen unterbrochenen Steinmäuerchen flankiert, aus des­sen Ritzen Moos, Gräser, an manchen Stellen sogar Myriaden von blass­rosa gefärbten Gänseblümchen wuchsen.
An der gegenüberliegenden Seitesäum­ten riesige Farne den Weg, an anderer Stelle wie­de­rum meterhoher Bam­bus, was trotz der merklich kühlen Luft dem Wäld­chen einen fast tropischen Cha­rakter ver­lieh. Am auffälligsten fand ich einen zar­ten, fast be­törenden Duft, der die Luft er­füllte und mich lange über seinen Ur­sprung rätseln ließ, ehe ich ihn den Ro­bi­nien­blüten zuordnen konnte. Die Baum­kro­nen und die Weg­rän­der waren ganz weiß von ihnen. Im freien Gelände an­ge­kom­men, sah ich oben auf dem Hügel eine Reihe ziemlich ver­nach­läs­sig­ter Häu­ser, die ich in Erwartung der klassischen Dorf­idylle zügig und wohl­ge­launt an­steu­erte.
Ich stellte mir, ganz im Klischee verfangen, schwarz angezogene alte Menschen vor, die wie Eidechsen vor ihren Häusern in der Morgensonne sitzen und den Blick in die Ferne schweifen lassen. Doch welch eine überraschung als ich die Piazzetta vollgeparkt mit Fiat Unos, Pandas und VW Golfs fand. Ein schwarzer Spitz knurrte mich grimmig an und heftete sich an meine Fersen, was eine junge Frau in traditioneller Toskaner Tracht (Blue Jeans und T-Shirt) dazu veranlasste, ihn mit scharfer Stimme zurückzurufen: "Whiskey, vieni qui!"
Ach, die traditionelle Gastfreundschaft Italiens: Niemand würdigte mich eines Blickes.