Musik

Das neapolitanische Volkslied



Neapel (ital. Napoli) ist nach Rom und Mailand die dritt­größte Stadt Italiens. Sie ist die Haupt­stadt der Region Kampanien und der Provinz Neapel. Die Stadt selbst hat etwa eine Million Einwohner, zu­sam­men mit den Vororten sind es aber mehr als vier Millionen.

Mit dem Ausdruck „canzone napoletana“ ist das neapolitanische Volks­lied gemeint. Das nea­po­li­tanische Lied enwickelte sich im 13. Jahr­hundert als spontaner Ausdruck des neapolitanischen Vol­kes. Die „canzone napoletana“ ging aus der Mischung von klassischer Musik und älterer Volksmusik her­vor. Zunächst war diese Volkskunstart voller po­si­ti­ver Inhalte, sie besang haupt­säch­lich die Arbeit und die Gefühle des Volkes. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fügten Intellektuelle, unter dem Einfluss des De­ka­den­tis­mus, pes­si­mis­ti­sche Ele­men­te ein und änderten damit den ur­sprüng­li­chen Geist der „Canzone Napoletana„.

Canzone Napoletana
Canzone Napoletana
Santa Lucia: Anto­lo­gia della can­zo­ne napoletana Canzone Napo­le­ta­na von Car­mi­ne Natale Luciano Pava­rotti: Nea­po­li­ta­ni­sche Lieder

Im 19. Jahrhundert kam der Durchbruch. 1835 entstand das Lied „Te voglio bbene assaje“ (Ich liebe dich sehr) von Raffaele Sacco, dessen Musik von Gae­tano Donizetti stammt. Das jährliche Volks­fest in Piedigrotta war die idea­le Ge­legenheit, neue Stücke vorzuführen. Unter den Autoren fanden sich be­kann­te Persönlichkeiten der Zeit, wie Sal­vatore di Giacomo, Libero Bovio, E.A. Mario, Ferdinando Russo und Ernesto Murolo.

Das Lied „Te voglio bbene assaje“ (Ich liebe dich sehr) aus dem Jahr 1835 stellt den Beginn des goldenen Zeitalters der „canzone napoletana“ dar.

„Te voglio bbene assaje"
(Gesang: Marco Beasley)

’O sole mio ist eines der berühmtesten Lieder der Welt und wurde im April 1898 von dem nea­politanischen Kom­po­nisten Eduardo Di Capua kom­po­niert. Die Übersetzung steht nicht für „Oh meine Sonne“, denn das neapolitanische 'O ist nur ein Artikel. 'O sole bedeutet also wörtlich „die Sonne„. Die Über­set­zung lautet also nur „Meine Sonne“.
„O sole mio" (gesungen von Luciano Pavarotti)

I' te vurria vasà (Ich möchte dich küssen) ist ein weltweit bekanntes neapolitanisches Lied aus dem Jahr 1900 und gilt als ein Meilenstein der canzone napoletana.
„I' te vurria vasà" (Interpret: Carlo Bergonzi)

Torna a Surriento (Komm zurück nach Sorrento) ist ein volkstümliches nea­politanisches Lied aus dem Jahr 1902. Es ist Produkt einer Zu­sam­men­ar­beit des Textdichters Giambattista de Curtis und des Komponisten Ernesto de Curtis.
„Torna a Surriento" (Die drei Tenöre)

Canzone Napoletana Die drei Tenöre Canzone Napoletana
Canzone napoletana
Beniamino Gigli
Best of: Die drei Tenöre Canzone Napo­le­tana von Car­mine Natale

Voce 'e notte (Stimme der Nacht) ist ein welt­weit bekanntes nea­po­le­ta­nisches Lied aus dem Jahr 1903. Der Text ist von Edoardo Nicolardi, die Musik von Ernesto De Curtis.
„Voce 'e notte" (Interpret: Beniamino Gigli)

Der Text zu Core 'ngrato (Undankbares Herz) wurde 1911 vom kala­bre­sischen Auswanderer Alessandro Sisca geschrieben, der zum Studieren nach Neapel, der Geburtsort seiner Mutter, gezogen war, und später in de USA auswanderte. Die Musik dazu schrieb Salvatore Cardillo.
Giuseppe di Stefano singt „Core 'ngrato"

Die erfolgreichen Lieder hatten zuerst das Publikum in Piedigrotta begeistert. Bald eroberten sie das ganze Land. Fünfzig Jahre nach „Santa Lucia“ und dem Lied „O Sole Mio“ von Di Capua wurden sie italienweit mit „Standing Ovations" empfangen. Danach kam „Maria, Mari“, „Vieni Sul Mar“, „Mare­chiare“ und viele ander Lieder, die Caruso, Mar­ti­nel­li, Schipa e Ponselle faszinierten.


Tu ca nun chiagne (du, die nicht weinst), dessen Text von Libero Bovio stammt, der für die Texte für Lieder wie „Guapparia" e „'A canzone 'e Napule" schrieb, wurde von Ernesto De Curtis im Jahr 1915 vertont.
„Tu ca nun chiagne"
(gesungen von Luciano Pavarotti)

Santa Lucia luntana (E. A. Mario) ist aus dem Jahr 1919. In jener Zeit verließen Millionen von Italienern ihre Heimat, um nach Amerika aus­zu­wan­dern. Viele von ihnen waren aus Neapel, und sie ließen in ihre Lieder all ihr Heimweh einfließen. Santa Lucia ist ein Ortsteil von Neapel.
Santa Lucia luntana (Andrea Bocelli)

Dicitencello vuje (Sagen Sie es ihr) ist ein neapolitanisches Lied aus dem Jahr 1930. Der Text ist von Enzo Fusco, die Musik von Rodolfo Falvo. Das Lied ist die verzweifelte Liebeserklärung eines Mannes, der sich nicht traut, seine Geliebte direkt anzusprechen. So bittet er eine gute Freundin von ihr, es für ihn zu sagen.
Dicitencello vuje (Murolo)

Im 20. Jahrhundert überlebte die „Canzone Na­po­le­tana“ vor allem dank des Festivals von Neapel, später übernahm das Festival von Sanremo diese Rolle, allerdings auf gesamtitalienischer Basis.

Das Lied Munasterio 'e Santa Chiara wurde am Festival von Piedigrotta im Jahr 1945 vorgestellt. Ihr erster Interpret war der berühmte Schauspieler und Regisseur Vittorio De Sica.
Munasterio 'e Santa Chiara (Ciccio Capasso und Fabrizio Bianchini an der Mandoline)

Ende der 1960er Jahre geriet das neapolitanische Volkslied in die Krise, weil sie zum Ausdruck des städtischen Subproletariats wurde und somit den Kon­takt zu den eigenen Wurzeln verliert.


Das Lied Maruzzella (1959) ist ein Lied, das von leidenschaftlicher, ver­zeh­ren­der Liebe singt. Ma­ruz­zel­la ist im neapolitanischen Dialekt der Kosename von Marisa, andrerseits aber auch die Verniedlichung von Maruzza, einer kleinen Mee­res­sche­cke. Das Lied ist ein Klassiker der „canzone napoletana„. Das Lied hatte auch als Filmmusik viel Erfolg, vom gleichnamigen Film mit Renato Carosone und Marisa Allasio bis zum Film "Nella città l'inferno" von Renato Castellani (1959).
Maruzzella (gesungen von Sal Da Vinci)

Das Lied Tu sì na cosa grande (Du bist etwas Großes für mich) aus dem Jahr 1964 ist ein Lied, das von leidenschaftlicher singt. Mit diesem Lied ge­winnt Domenico Modugno das Festival von Neapel.
Tu sì na cosa grande (Domenico Modugno)

Ende der 1960er Jahre geriet das neapolitanische Volkslied in die Krise, weil sie zum Ausdruck des städtischen Subproletariats wurde und somit den Kon­takt zu den eigenen Wurzeln verliert.