Film/ Medien

Lampedusa (2002) / Originaltitel Respiro



Es ist merkwürdig, wie es dieser Film geschafft hat, mich in die Tage meiner Kindheit zurückzuversetzen.
Es können nicht nur die knatternden Vespas, die Art, wie sich Jugend­liche und Erwachsene damals kleideten, das „Abenteuer" Spielen der Kinder in verfallenen Bauruinen oder das provinzielle abendliche Flanieren auf der Hauptstraße sein, die meine nostalgischen Gefühle für eine Welt hervorge­rufen haben, die es so nicht mehr gibt. Es ist die Faszination des Archaischen, des Beharrenden, der Starken Ge­fühle, des oftmals nicht selbst gelebten sondern von Zahlreichen Filmen und Büchern und Geschichten gespiegelten Lebens.
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Emanuele Crialese
1965 in Rom geboren, ver­brachte Crialese neun Jahre in den USA, wo er an der Tish School of Arts der New Yorker Universität studierte, einen ersten Kurzfilm („Heartless“, 1994) fertig stellte und 1997 mit „Once We Were Strangers“ sein Spielfilmdebüt inszenierte.
Für den Film bekam Crialese u.a. den Großen Preis der Jury in Valenciennes.
Im Anschluss zog er sich für sechs Monate auf die kleine Insel Lampe­dusa im Süden Siziliens zurück, wo er als Fischer arbeitete und die Geschichte einer Frau hörte, die von den übrigen Insel­bewohnern aufgrund ihres unkonventionellen und lau­ni­schen Verhaltens für ver­rückt gehalten wurde. Aus dieser Legende heraus ent­wickelte Crialese die Idee zu „Lampedusa“, den er 2001 drehte. Bei den Film­fest­spielen in Cannes erhielt der Film 2002 den Großen Preis der Semaine de la Critique sowie den Publikumspreis.
Respiro

In „Respiro“, was wörtlich „Atem" bedeutet, meint man das Italien aus einer anderen Epoche zu spüren. Ganz ursprünglich, ganz archaisch.
Zwar wird sich niemand wirklich nach dem von engen Moralvorstellungen dominierten Inselleben sehnen - doch weckt der Film eine andere Art von Sehnsucht: die Sehnsucht nach der kleinen menschlichen Gemeinschaft, nach einem Leben im Einklang mit dem Meer, der Sonne und nach der tiefen un­er­gründlichen Schönheit des Mittelmeeres.


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Lampedusa
Das Jahrhun­dert des Ki­nos 100 Jahre Film: Italien
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Es ist eine magische Geschichte, die Crialese mit diesem Film erzählt. Zwischen Sizilien und Tunesien im blauem Mittelmeer liegt die kleine Vulkan­insel Lampedusa. Das Meer bestimmt seit jeher den Zeit- und Arbeits­rhyth­mus der Insel: Die Männer fahren zur See, die Frauen arbeiten in den Fischfabriken und stehen am Hafen und warten auf ihre vom Fischfang zurückkehrenden Männer. Die Kinder helfen mit.
Der Film ist die Adaptierung einer alten Insel­le­gen­de, die von einer jungen Frau erzählt, die einst auf Lampedusa lebte. Sie war von freiem Geist und wollte sich den strengen Regeln und mo­ra­li­schen An­sprü­chen ihrer Dorf­gemeinschaft nicht beugen. Die Dorfbewohner schauten auf sie herab, er­klärten sie sogar für verrückt. Und eines Tages verschwand die junge Frau, nur ihre Kleider blieben am Strand zurück. Die Zeit verging, doch die Frau blieb verschwunden. Die Menschen aus dem Dorf fühlten sich schuldig, die Frau in den Selbst­mord getrieben zu haben. Sie gedachten ihrer und beteten jeden Tag. Und siehe da: Eines Tages kehrte die junge Frau auf mysteriöse Weise wieder ins Leben zurück.
Szenen aus dem Film
Grazia (Valeria Golino) ist Mutter dreier Kinder und mit dem Fischer Pietro (Vincenzo Amato) ver­hei­ra­tet. Grazia liebt ihre Familie – und die Familie liebt sie, auch wenn sie als Ehefrau und Mutter immer wieder peinliche Situationen und Gerede heraufbeschwört. Grazia ist leidenschaftlich, unangepasst, emo­tional, aufbrausend, frei­heits­lie­bend, vol­ler über­schwäng­li­cher Ge­fühle, von sinnlicher Unbefangenheit. Das Meer ist für sie Ort des Friedens, der Leicht­igkeit und der Freiheit - nur hier ist sie erlöst von den strengen Regeln des Insellebens. Sie ist anders als die anderen, un­vor­her­seh­bar in ihrem Ver­halten, nicht ver­ständ­lich für die Men­ta­li­tät der Men­schen am Ort, den ande­ren Frauen ein Dorn im Auge. Es wird gemunkelt und getuschelt im Dorf, und manch einer meint, Grazia gehöre in eine Anstalt.
Als Grazia auch noch die Türen des Tierasyls öffnet, um die dort einge­sperr­ten Hunde vor dem Tod zu retten, ist für das Dorf das Maß voll. Von den Haus­dächern herunter knallen die Fischer die wilde Meute ab. Der Druck der Gemeinschaft auf Pietro wächst, bis er schließlich einwilligt, seine Frau zu einer klinischen Behandlung nach Mailand zu schicken. Doch ehe dies ge­sche­hen kann, ver­schwin­det die Unglückliche spurlos. Man glaubt an Selbst­mord ...
Meisterhaft porträtiert sind Grazias Sohn Pasquale (Francesco Casisa) und Grazias Mann, Pietro (Vin­cenzo Amato).
Der dreizehnjährige Pasquale ist der Anführer einer unbändigen Jungen­schar. Die Kinder mit ihrer Le­bens­freude, ihren brutalen Bandenritualen und ihren kleinen und großen Nöten sind mehr als nur Kulisse in diesem Film. Mit Schleudern und Fallen stellen sie Singvögeln nach, lun­gern in ver­fal­lenen Bauruinen herum, tauchen im Meer nach Seeigeln oder schlagen sich mit rivalisierenden Ban­den. Wie die anderen verbringt Pas­quale seine Abende auf der Haupt­straße des Dorfs, und macht Mädchen an. Pasquale findet auch immer Wege, seine Mutter zu beschützen. Der Fischer Pietro ist ein Mann mit Herz, aber harter Schale. Leidenschaftlich in seine Frau verliebt und um die Familienehre besorgt.
Der größte Teil der Rollen ist mit Laiendarstellern besetzt, mit Menschen, die auf Lampedusa leben und mit ihrer Art und ihrem eigenen Dialekt dem Film Authentizität verleihen – ein Film ganz in der Tradition des italienischen Neorealismus.
Die Unterwasseraufnahmen von Kameramann Fabio Zamarion sind hypno­tisch schön - die Musik von John Surman stimmt auf die Wasserszenen ein - die Zuschauer geheimnisvoll in den Bann ziehend. Crialese hat einen wun­der­schönen Film gedreht, der in Cannes mit dem Publikumspreis und dem Preis für den besten Film ausgezeichnet wurde.