Wein und Getränke

Prosecco



Dass sich italienische Speisen und Getränke auch bei uns durchsetzen, ist willkommen und kann auch als eine kulinarische Variante der Evo­lution gesehen werden, die Esskultur betreffend.
Im Laufe der vielen Jahre, in de­nen ich in Deutsch­land lebe, konnte ich viele dieser „Übernahmen" miterleben. Oft waren es nur vorübergehende Mo­den, manchmal wurde der Charakter des Ita­lie­ni­schen bis zur Unkenntlichkeit verändert (wässrige Riesenzucchini, Pizza „Hawaii“, Spaghetti als Bei­la­ge, über­große Pasta-Portionen, Feigen als exo­tische Gourmetobjekte) aber meistens war es eine Berei­che­rung der (ein wenig zu Unrecht) als eintönig und derb geltende deutschen Küche.

Beim „Prosecco“ könnte man freilich zum Schluss kommen, dass dieses prickelnde Getränk den Menschen mehr als Symbol für „savoir vivre“ dient und als Beweis dafür, dass man „dazugehört“. Passend dazu ein Kommentar der Süddeutschen Zeitung apropos Schickeria: "Bussi hier, Bussi da. „Mei Schatzi, hast' schon das Neueste vom Franzl g'hört! Ich sag's dir, ein Skandal ist das! Aber lass uns lieber von was Erfreulicherem reden: Magst an' Prosecco?“
Die Heimat des Prosecco ist keineswegs das gleichnamige italienische Dorf in der Nähe von Triest, auf das der Begriff Prosecco häufig zu­rück­geführt wird. Auch die Verbindung zum italienischen secco (trocken) ist rein zufällig. Er war über lange Zeit ein klassischer Dessertwein. Er war se­mi­secco, das heisst leicht lieblich. Man trank ihn zu Weihnachten zum Panettone oder bei be­son­deren Gelegenheiten. Die Heimat des Prosecco ist eine weite Hügel­land­schaft in der Provinz Treviso, etwa zwischen Conegliano und Valdobbiadene.
Prosecco ist ursprünglich der Name einer alten weißen Rebsorte aus dem Ve­neto (aus Venetien). Aus ihr keltert man drei sorten Weine: den „Tran­quillo" (normalen Wein), den Frizzante (Perlwein) und den Spumante (Schaum­wein).
Während Champagner, deutscher Sekt und andere hochwertige Schaumweine mit viel Handarbeit im aufwändigen Flaschengärverfahren entstehen, wird Prosecco meist in Tanks vergoren, was ihn preislich erschwinglich macht und eine der Erklärungen für seinen weltweiten Erfolg ist.
Viele Jahre lang kannte man den Prosecco nur im Veneto und höchstens noch in den größeren Städten Italiens.

Zeit für Italiens Weine
<em>Prosecco</em>
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aus der Welt der Speisen

Prosecco, Soave, Grappa, Valpolicella (Veneto)

Weil der Prosecco den Namen einer Traubensorte trägt und nicht den eines Ortes, darf er grund­sätz­lich überall hergestellt werden und unter diesem Na­men verkauft werden. Jedoch nur Prosecco aus einer gesetzlich klar defi­nierten Region um die Gemeinden Valdobbiadene und Co­ne­glia­no darf den „DOC"-Status tragen, sofern er die vorge­schrie­be­nen Qua­li­täts­stan­dards ein­hält. Wei­ne, Perl­wei­ne und Sek­te aus der glei­chen Trau­be aus an­de­ren Tei­len Ita­liens dür­fen nur die Be­zeich­nung „IGT" (Indi­ca­zione Geografica Tipica) tragen.
Damit wird nicht gesagt, dass IGT-Proseccos un­be­dingt schlechter sein müs­sen als solche aus der DOC-Re­gion. Auch in den umliegenden Gebieten wachsen hervorragende Prosecco-Trauben.
Das dachte auch die weltberühmte Firma Cinzano, die längst ihre Pa­lette an Schaumweinen um Pro­sec­co ergänzt hat. Wie schon vor mehr als 200 Jahren hat die Firma auch heute das richtige Händchen für Produkt­ent­wick­lun­gen.
Seit den 1960er Jahren eroberte der ver­gleichs­wei­se preiswerte Prosecco Italien, Anfang der 1980er Jahre die Schwabinger Schickeria in Mün­chen und kurz darauf den Rest der Deutschen. Sein Siegeszug scheint keine Gren­zen zu kennen. Die Prosecco-Mode hat sogar Amerika erreicht, China und Vietnam.
Sein Preis – in Deutschland fällt der Prosecco in die Kategorie Wein, die nicht der Sektsteuer unterliegt – und vor allem das Gefühl, das er ver­mit­telt, an der „Dolce Vita" teilzunehmen, sind die Haupt­ur­sachen seines Erfolgs. Die Wein­bü­cher-Autoren Cornelius und Fabian Lange spotteten: "Beim Pro­sec­co geht es doch nicht um den Inhalt - Haupt­sache, es bitzelt und wir be­kommen dieses italienische Feeling."
Dieser Erfolg führte dazu, dass in der Region Veneto die Prosecco-Rebsorte auf einen Ertrag von 25.000 Litern pro Hektar kletterte, wovon das Meiste ex­portiert wird. Doch nur noch etwa 40% der Fla­schen, die sich Prosecco nen­nen, stammen aus seinem ursprünglichen Gebiet, der Rest wird wo­an­ders in Italien angebaut oder sogar im Ausland, in Frankreich, Rumänien, Brasilien und Australien.
2006 wurde ein kultureller Tiefpunkt erreicht, als die US-amerikanische Mil­lio­nenerbin Paris Hilton ein neues Getränk vorstellte: den „Rich Prosecco“ - in Dosen (!), Dieses Dosengetränk konnte sogar mit Erfolg vermarktet werden.
Die Winzer der Region fordern inzwischen, dass der Name Prosecco künftig weltweit geschützt werde. Was aus den oben genannten Gründen nicht leicht sein dürfte. Vermutlich werden die Winzer des Prosecco-Konsortiums nur durch Qualität – in ihrem Gebiet gelten strenge Regeln für den An- und Aus­bau des Prosecco – überzeugen müssen, wenn sie sich behaupten wollen. In den anderen Regionen Italiens und der Welt, in denen Prosecco produziert wird, gelten diese Vorschriften nämlich nicht.
 
 
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