Geschichte

Der Verlust Istriens


Als ich als Kind nach Italien kam, war noch nicht die Rede von „ethni­schen Säuberungen„. Man nannte sie Vertreibungen und meine Familie war inso­fern davon betroffen, als einige meiner näheren Verwandten aus Nord­mäh­ren vertrieben worden waren. Aber was wusste ich schon als Kind davon!
Und doch sollte diese Geißel der Menschheit indirekt einen Einfluss auf mein Leben bekommen. Einer meiner besten Freunde stamm­te nämlich aus Pola, Istrien, das heute zu Kroatien gehört. Es gab in Genua ein ganzes Viertel, in denen Sozial­woh­nun­gen für die Flüchtlinge aus den ehemals italienischen Gebieten Ju­go­slawiens ein­quar­tiert waren. Aber es verging sehr viel Zeit, bevor ich die­sen Ab­schnitt der italienischen Ge­schich­te überhaupt zur Kenntnis nahm.

Istrien war über Jahrhunderte hinweg ein Teil der Republik Vene­dig. Nur ein kleiner öst­licher Teil gehörte eine Zeit lang zu Österreich und damit zum Rö­mi­schen Reich Deutscher Nation.
Das venezianische Istrien umfasste hauptsächlich die Küstengebiete (Mon­fal­cone, Grado, Capo d'Istria (Koper), Pola (Pula), Parenzo (Poreč), Rovigno (Ro­vinj), Umago (Umag), Albona (Labin) und wei­tere Städte. Aus dieser Zeit stammt auch das deut­lich erkennbare venezianische Flair der Küstenstädte Istriens.
Istrien unter Österreich
Nach kurzer Zwischenphase während der Napo­leon­herr­schaft wurde Istrien 1815 wieder ein Teil der österreichischen Monarchie. Istrien bildete zusam­men mit dem Friaul und Triest das öster­rei­chi­sche „Küstenland“. Pola wurde der Hauptkriegshafen und Triest der Haupthandelshafen Österreichs.
Laut der österreichischen Volkszählung von 1910 teilten sich die Istrianer haupt­sächlich in folgende Volksgruppen auf:
41.6% sprachen serbokroatisch,
36,5% sprachen italienisch,
13.7% sprachen Slowenisch,
3,3% sprachen Deutsch.

Im allgemein kann man sagen, dass die Italiener vornehmlich entlang der Küste lebten und in den meisten Städten des Inneren. Sie waren also haupt­sächlich Städter, sie waren reicher und gebildeter als Kroaten und Slo­wenen, die in der Hauptsache die bäuerliche Bevölkerung Istriens hergaben.


Foibe
<em>Istrien</em>
Pahor
Das Unheimli­che in der Ge­schich­te. Die Foibe
Literarisch reisen: Istrien: Gedanken, Phan­ta­sien, Erin­ne­run­gen zeit­ge­nös­si­scher
Au­to­rin­nen und Autoren
Die Stadt in der Bucht

Um Italien zum Kriegseintritt an der Seite der Alli­ier­ten zu bewegen, wurden dem Land im Lon­do­ner Vertrag vom 26. April 1915 territoriale Ver­spre­chun­gen unter anderem Istrien betreffend gemacht. Demnach sollten neben Görz und Gradisca auch Istrien, Triest und die dalmatinischen Inseln Italien zu­fal­len. Er sicherte Ita­lien al­so Ge­biets­er­wei­te­run­gen zu Lasten der mehrheitlich von Slowenen und Kroaten besiedelten Territorien Österreich-Ungarns. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kam mit dem Vertrag von Saint-Germain (1919) und dem Grenz­ver­trag von Rapallo (1920) ganz Istrien zum König­reich Italien.
Nach dem Ersten Weltkrieg
Um die demographische Struktur zugunsten der italienischen Bevölke­rungs­grup­pe zu verändern, wurden vom faschistischen Regime Italiener ange­sie­delt und Maßnahme zur Italienisierung eingeführt, wie das auch in Süd­tirol der Fall war. Gegen Slo­we­nen und Kroaten wurden schikanöse Ver­ordnungen eingeführt. Slowenische, kroati­sche und deut­sche Schulen wurden geschlos­sen, die slowenische und kroatische Sprache im öffentlichen Leben verboten, slowenische und kroatische Zeitungen verboten. Etwa 12.000 Kroa­ten und Slowenen verließen während der italienischen Herrschaft Istrien.
Istrien zu Jugoslawien
Während und nach dem zweiten Weltkrieg wendete sich das Blatt. Es kam in Istrien zu Racheakten und Massakern an der italienischen Zivilbevölkerung durch die Partisanenverbände. Man spricht von den sogenannten Foibe-Mas­sa­kern. Die Opfer wurden dabei in Karsthöhlen, sogenannte Foiben, gewor­fen. Opfer dieser Massaker waren vorwiegend Nicht­kom­mu­nis­ten, die sich gegen die Anne­xions­be­stre­bun­gen des kommunistischen Jugo­sla­wiens stell­ten. Zahl­reiche „infoibati“ waren aber auch un­be­schol­te­ne Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Schätzungen be­züglich der Opferzahlen kommen auf 5.000 – 12.000 Tote, einschließlich der in ju­go­sla­wi­schen Konzentrations­la­gern um­ge­kom­me­nen Ita­lie­ner. Selbst der nicht gerade zartbesaitete Winston Chur­chill, der Ti­to mi­li­tä­risch unterstützt hatte, schrieb wegen der Grau­sam­kei­ten in Istrien einen Beschwerdebrief an Stalin.
Am 1. Mai 1945 wurde Triest von der Ju­go­sla­wi­schen Ar­mee be­setzt, am 2. Mai er­reich­ten neu­see­län­di­sche Ein­hei­ten und die Bri­tish Ar­my die Stadt. Un­ter in­ter­na­tio­na­lem Druck ver­lie­ßen die ju­go­sla­wi­schen Trup­pen am 12. Ju­ni Triest. Am 10. Fe­bruar 1947 wur­de in Pa­ris von den Al­li­ier­ten ein Frie­dens­ver­trag mit Ita­lien un­ter­zeich­net, der die Er­rich­tung des so ge­nann­ten Freien Territoriums Triest unter dem Schutz der Ver­einten Nationen vorsah. Vorgesehen waren eine:
Zone A mit Triest im Norden mit einer Fläche von 222,5 km² und 310.000 Einwohnern (da­von 230.000 Italiener und 63.000 Slowenen). Sie wurde von bri­ti­schen und US-amerikanischen Soldaten besetzt.
Die Zone B mit einer Fläche von 515,5 km² umfasste den Nordwesten Istriens und wurde von der Ju­go­sla­wi­schen Volksarmee besetzt. Die ju­go­slawische Volkszählung von 1945 ergab für die Zone B eine Ein­woh­nerzahl von 67.461, darunter 30.789 Slawen, und 29.672 Italiener. Heutige italienische Quellen gehen hingegen von einem wesentlich höheren Anteil der italienischen Be­völ­ke­rung aus (54.000 Italiener, 12.000 bis 17.000 Slawen), während slowenische Quellen von einem höheren Anteil der slowenischen Bevölkerung sprechen.
Das Freie Territorium Triest war ein Versuch, einen neutralen, multiethnischen Freistaat Triest zu schaf­fen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges schei­ter­te aber dieser Versuch. Am 5. Oktober 1954 wurde in London von den Regie­rungen Italiens, Großbritanniens, der USA und Jugoslawiens ein Me­mo­ran­dum unterzeichnet, mit dem die Zi­vil­ver­wal­tung in Zone A „provisorisch" an Italien und in Zone B an Jugoslawien übergeben wurde. Endgültig zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt wurde das Gebiet des früheren Freien Territoriums Triest erst am 10. November 1975 mit dem Vertrag von Osimo, das die Gren­ze zwischen Italien und Jugoslawien festlegte.

Als 1954 das Gebiet des Freien Territoriums zwi­schen Jugoslawien und Italien aufgeteilt wurde, wurde der jugoslawische Anteil seinerseits unter den Teil­re­publiken Slowenien und Kroatien aufgeteilt. Das Gebiet um die Städte Capo­distria und Portorose kam zu Slowenien, das weiter südlich gelegene Gebiet von Parenzo bis Pola zu Kroatien.

Die bereits erwähnten ethnischen Säuberungen durch kroatische Tito-Parti­sanen im zweiten Welt­krieg (Infoibamenti) und in den Jahren danach bis 1954, als Südistrien entgültig unter jugoslawischen Herrschaft kam, sowie die Politik der Slawisierung unter der jugoslawischer Herrschaft (in Kroatien und Slowenien wurden unter anderem die italienischen Schulen geschlossen, die Sprache offiziell verboten) führten zur Abwanderung von 90% der italie­ni­schen Bevölkerung Istriens. Nur rund 45.000 sind bis heu­te dort geblieben und bilden nun die italienischen Minderheiten in Kroatien und Slowenien.
Im Abkommen von Osimo wurden der Schutz der Minderheiten beiderseits der Grenze vereinbart. Auf dem jugoslawischen (beziehungsweise heute in Rechtsnachfolge kroatischen und slowenischen) Gebiet werden die Rechte der italienischen Min­der­heit garantiert. Zweisprachige Ortsschilder und Straßen­bezeichnungen kennzeichnen heute das multikulturelle Istrien im slowe­ni­schen und kroa­tischen Teil, während sich in und um Triest allenfalls zwei­spra­chige Schilder finden.
Die Frage der entschädigungslosen Enteignung des Haus- und Grundbesitzes der früheren italienischen Bevölkerung in rund 1000 istrianischen Dörfern und Städten des heutigen Slowenien und Kroatien durch das kommunistische Tito-Regime ist bis heute ungelöst.
Auszüge aus Wikipedia verwendet (Lizenz)
 
 
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ADAC Reiseführer Istrien und Kvarner-Bucht
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Foibe
Das Unheimli­che in der Ge­schich­te. Die Foibe