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Die göttliche Komödie

Dantes Illustration von Gustave Doréepisches Gedicht Die Göttliche Komödie (La Divina Commedia), zwischen 1307 und 1327 entstanden, ist das erste umfangreiche dichterische Werk in italienischer Sprache und bis heute ein Haupt­werk der italienischen Literatur.
In der Göttlichen Komödie schildert Dante seine eigene Wanderung durch das Jenseits. Auf der Reise trifft Dante viele Persön­lich­keiten seiner Zeit. Je nach Verhalten finden sie sich in verschiedenen Bereichen zwischen tiefster Hölle und höchstem Paradies wieder. Da Dante sich aber auch politisch für die Partei der Ghibellinen exponiert hatte, trifft er zeitgenössische Gegner gerne in der Hölle. Obwohl auch ein Triumphgesang auf die katholische Kirche, greift er den dama­ligen Papst und Praktiken der Kirche wie Simonie an. Die Reise dient Dante der Läuterung und ist, weil Dante als Lebender in die Welt der Toten gelassen wird, eine große Gnade. Mit dem römischen Dichter Vergil als Führer durchschreitet er zunächst die Hölle (Inferno), angefangen vom Limbus, wo sich die unschuldig schuldig Gewordenen, die ungetauften Kinder sowie die antiken Dichter und Denker aufhalten, bis zur innersten Hölle, wo Lucifer die drei Erzverräter Judas, Brutus und Cassius zwischen den Zähnen zermalmt. Dann gelangen Dante und Vergil in das zweite Reich des Jenseits, auf den Läuterungsberg (Purgatorio). Hier befinden sich die Verstorbenen mit den größten Vergehen am Fuß des Berges; je höher die beiden Wanderer kommen, desto edler werden die Figuren, die sie am Wegesrand treffen. Auf dem Gipfel des Läuterungsberges, übernimmt Beatrice, eine engelsgleiche, idealisierte Frauengestalt die Führung Dantes. Mit ihr durchschwebt Dante das Paradies (Paradiso), wo er ganz zuletzt die Trinität und Gott selbst erahnen darf.
Bekanntestes Zitat: Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate (Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet). Inschrift auf dem Tor zur Hölle.

Hölle (1. Gesang)   

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist's 'doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not,
Schon der Gedank' erneuert noch mein Zagen.

Nur wenig bitterer ist selbst der Tod,
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kuenden,
Sag' ich, was sonst sich dort den Blicken bot.

Nicht weiss ich, wie ich mich hineingewunden,
So ganz war ich von tiefem Schlaf berueckt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden.

Doch bis zum Fuss des Huegels vorgerueckt,
Der an dem Ende lag von jenem Tale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrueckt,

Schaut' ich empor und sah, den Ruecken male
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele fuehrt mit feinem Strahle.

Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfah'n.

Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbruechige vom Strand, entfloh'n der Flut,
Starr rueckwaerts schauend, ihren Grimm betrachten,

So kehrt' ich, noch mit halberstorbnem Mut,
Mich jetzt zurueck, nach jenem Passe sehend,
Der jeglichem verloescht des Lebens Glut.

Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
Waehlt' ich bergan den Weg der Wildnis mir,
Fest immer auf dem tiefern Fusse stehend.

Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Gewandt und sehr behend ein Panthertier.

Nicht wich's von meinem Angesichte wieder,
Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
Dass ich mich oefters wandt' ins Tal hernieder.

Am Morgen war's, die Sonne stieg itzt auf,
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Lieb' aus oedem Nichts herauf

Die schoene Welt berief zu Sein und Leben,
So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben

Und durch die Fruehstund' und das junge Jahr
Doch so nicht, dass in mir nicht Furcht sich regte,
Als furchtbar mir ein Leu erschienen war.

Es schien, dass er sich gegen mich bewegte,
Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
So dass er Schrecken, schien's, der Luft erregte.

Auch eine Woelfin, welche jede Glut
Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf viele schweren Jammer lud.

Vor dieser musste so mein Mut sich neigen
Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Dass mir die Hoffnung schwand, zur Hoeh'n zu steigen.

Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kuemmernis und tiefem Bangen lebt,

So machte dieses Untier mich beklommen,
Von ihm gedraengt, musst' ich mich rueckwaerts zieh'n
Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen.
Als ich zur Tiefe niederstuerzt' im Flieh'n,

Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Das durch zu langes Schweigen heiser schien.
Ich rief, sobald ich's nur gewahren koennen

In grosser Wildnis: "O erbarme dich,
Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen."
Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich,

Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.
Eh', spaet, die Roemer sich dem Julius beugten,

Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Goetter, jener Trugerzeugten.
Ich war Poet und sang Anchises' Sohn,

Der Troja floh, besiegt durch Feindestuecke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.
Und du - du kehrst zu solchem Gram zuruecke?

Was bleibt die freud'ge Hoehe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Gluecke?"
"So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,

Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?"
Ich sprach's mit Scham, die meine Stirn befiel.
"O Ehr' und Licht der andern Kunstgenossen,

Mir gelt' itzt grosse Lieb' und langer Fleiss,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.
Mein Meister, Vorbild! dir gebuehrt der Preis,

Den ich durch schoenen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiss.
Sieh dieses Tier, o sieh' mich's rueckwaerts jagen,

Beruehmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
Es macht mir zitternd Puls' und Adern schlagen."
"Du musst auf einem andern Wege fort,"

Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
"Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort,
Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen,

Laesst keinen zieh'n auf seines Weges Spur,
Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen.
Es ist von boeser, tueckischer Natur

Und nimmer fuehlt's die wilde Gier ermatten,
Ja, jeder Frass schaerft seinen Hunger nur.
Mit vielen Tieren wird sich's noch begatten,

Bis dass die edle Dogge kommt, die kuehn
Es wuergt und hinstuerzt in die ew'gen Schatten.
Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glueh'n,

Doch wird sie nie an Lieb' und Weisheit darben,
Inmitten Feltr' und Feltro wird sie blueh'n,
Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glueck verdarben,

Obwohl vordem Camilla fuer dies Land,
Eurialus, Turnus und Nisus starben.
Nicht wird sie ruh'n, bis sie dies Tier verbannt,

Sie wird es wieder in die Hoelle senken,
Von wo's zuerst der Neid heraufgesandt.
Du folg' itzt mir zu deinem Heil - mein Denken

Und Urteil ist's - ich will dein Fuehrer sein,
Und dich durch ew'gen Ort von hinnen lenken.
Dort wirst du hoeren der Verzweiflung Schrei'n,

Wirst alte Geister schau'n, die bruenstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein.
Wirst jene dann im Feu'r zufrieden sehen,

Weil sie verhoffen, zu dem sel'gen Chor,
Sei's wann es immer sei, noch einzugehen.
Und willst du auch zu diesem dann empor,

Wuerd'ger als ich, wird eine Seel' erscheinen,
Die geht, schied ich, als Fuehrerin dir vor.
Denn jener, der dort oben herrscht, laesst keinen

Eingehn, von mir gefuehrt, in seine Stadt,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen.
Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,

Sein Thron und seine Burg in jener Hoehe.
Heil dem, den er erwaehlt dort oben hat"
"O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe

Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Dass diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,
Bring' an die Orte mich, die du genannt,

So, dass ich Petri Tor erschauen moege
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt."
Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.

 
Dante Alighieri
Dante Alighieri, der größte Dich­ter Italiens, geb. 1265 in Florenz, gest. 1321 in Ra­ven­na, erhielt eine küns­tlerische und wissen­schaftliche Aus­bil­dung.
Dante Alighieri

In seiner Jugend nahm er an den Kriegszügen seiner Vater­stadt teil. Er beteiligte sich auch intensiv am poli­ti­schen Leben: er gehörte dem Rat der Hundert an und war 1300 einer der 6 Prioren, der obersten Stadt­re­gen­ten.
Er war von Geburt und Erzieh­ung Guelfe, Anhänger des Pap­stes, trat aber aus Über­zeugung von den "Schwar­zen", der päp­st­lichen Partei, zu den "Wei­ßen", den Ghi­belinen, über, die die An­sprü­che des Kai­ser­tums ge­gen­über der päpstlichen Welt­herr­schaft verfochten.
Die "Schwarzen" gelangten in Florenz zur Herrschaft und un­terdrückten schonungslos die »Weißen«. Dante wurde im Januar 1302 zu hoher Geld­strafe, dauerndem Ausschluß von jedem öffentlichen Amt und zweijähriger Verbannung. So irrte er heimatlos in Italien umher. Die letz­ten Jahre sei­nes Lebens verbrachte er in Ra­ven­na bei seinem Freund Guido Novello da Polenta.
Auf seinen Wanderfahrten schrieb D. A. sein Hauptwerk, die Divina Com­media. Das Werk schildert den Zustand und das Leben der Seelen nach dem Tod in den drei Reichen des Jenseits und zerfällt dem ent­sprechend in drei Abteilungen: Hölle (In­ferno), Fegefeuer (Pur­gatorio) und Paradies (Paradiso).


Die Göttliche Komödie
von Dante Alighieri
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