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Der Regen im Pinienhain (La pioggia nel pineto)

La pioggia nel pineto ist eines der schönsten (und daher bekanntesten) Gedichte von Gabriele d'Annunzio. Es gleicht fast einer Musikkomposition oder einer großen Klänge­symphonie wegen der aufmerksamer Art wie die Klänge und Geräusche, die die Regentropfen erzeugen, als sie auf die Vegetation trommelt, wiederge­ge­ben werden. Eine aufmerksame Beschreibung des Grüns mit Hilfe der na­men­tlichen Nennung der verschiedenen Waldpflanzen nimmt die vielfältigen Nuancen ihrer Farben wahr.

Inspiration ist d'Annunzio ein Spaziergang im Pinienwald an der Versilia (dem nördlichen Teil der toskanischen Küste) in Gesellschaft seiner Geliebten, wäh­rend der Regen auf die Baumkronen prasselt und die sommerlichen Hitze neu­es Leben eingehaucht bekommt. Fast sieht es so aus, als würden die Geliebten mit der Vegetation und den Bildern und Düften des Waldes zu­sam­menschmelzen.

In der deutsche Übersetzung sind zwar die Inhalte und der Rhythmus ein­wand­frei und treffend wiedergegeben, vieles von der Stimmungen aber, die vom Klang der vokalenreichen und kürzeren italienischen Wörter erzeugt werden, ist verloren gegangen. Hier musste der deutsche Übersetzer leider (schuldlos) kapitulieren.

Der Regen im Pinienhain       

Schweige. Auf der Schwelle
des Waldes höre ich
die menschlichen Worte nicht,
die du sagst. Aber ich höre
neue Worte;
die von weit entfernten Tropfen und Blättern erzählen.
Höre. Es regnet
aus zerrissenen Wolken.
Es regnet
auf salzige, trockene
Tamarisken,
Es regnet
auf die schuppigen und stacheligen Pinien;
Es regnet
auf die göttliche Myrthe,
auf die unzähligen Blüten des leuchtenden Ginsters,
auf Wacholder voller duftenden Beeren,
Es regnet
auf unsere waldesgleichen Gesichter,
Es regnet
auf unsere bloßen Hände,
auf unser leichtes Gewand,
auf die reinen Gedanken,
die den neuen Geist erwachen lassen,
auf das schöne Märchen,
das gestern dich verzauberte, das heute mich verzaubert.
Oh Ermione.

Hörst du? Der Regen fällt,
auf das verlassene Grün,
Mit einem endlosen, wechselnden Plätschern in der Luft,
je nachdem ob das Laub dichter ist
oder weniger dicht.
Höre. Es antwortet
auf den Regen der Gesang
der Zikaden,
die sich weder durch südliches Rauschen
noch durch den grauen Himmel
abschrecken lassen.
Und die Pinie
erklingt und die Myrte
erklingt anders und der Wacholder
wieder anders, verschiedene Instrumente
unter unzähligen Fingerschlägen.
Und verschlungen
sind wir im Waldgeist,
eines Baumes gleich lebend;
Und dein nasses Gesicht
gleicht einem von Regentropfen
bespicktem Blatt,
und deine Haare
verbreiten den Duft
leuchtendes Ginsters,
ich du Nymphe des Waldes,
die du den Namen Ermione trägst

Höre, höre. Der Ton
der luftigen Zikaden
wird nach und nach
dumpfer
unter heftigerem Regen;
aber ein Gesang mischt sich ein
der rauer ist
und von dort hinten kommt,
aus feuchten verborgenen Schatten.
Dumpfer und schwächer werdend
verklingt er.
Nur eine Note
schwingt noch und verklingt,
blüht wieder auf, schwingt und verklingt.
Man hört das Rauschen der Wellen nicht.
Jetzt hört man auf allen Blättern
den silbernen Regen prasseln,
der wäscht,
und das Prasseln
das sich im dichter
oder weniger dichten Laub verändert.
Höre.
Die Tochter der Lüfte schweigt, die Tochter der Erde jedoch,
die Unke,
singt im entfernten Schatten!
Wo nur – wo?
Und der Regen fällt auf deine Wimpern,
Ermione!

Er benetzt deine schwarzen Wimpern,
als weintest du aus Freude;
einem Baum entsprungen scheinst du.
Und das ganze Leben in uns ist jung und frisch,
und das Herz wie eine unberührte Frucht,
deine Augen gleichen Quellen in der Wiese,
deine Zähne bitt’ren Mandeln.
Eng umschlungen oder gelöst
wandeln wir durch das Dickicht.
Fast umschlingt das kräft’ge Grün uns’re Knöchel,
rankt sich um uns’re Knie
wo nur – wo?
Es regnet
auf unsere waldesgleichen Gesichter,
es regnet auf unsere bloßen Hände,
auf unser leichtes Gewand,
auf die reinen Gedanken,
die den neuen Geist erwachen lassen,
auf das schöne Märchen,
das gestern dich verzauberte,
das heute mich verzaubert.
Oh Ermione.
 
Gabriele d'Annunzio
Gabriele D'Annunzio (geb. 12. März 1863 in Pescara, gest. am 1.März 1938 in Gardone) war ein ita­lie­nischer Schrift­steller des Fin de Siécle spät­roman­ti­scher Vertreter des Symbolismus.
In seinem opulenten Werk das Lyrik Epik und Dramen um­fasst zeigte er sich - insbe­son­dere in seinen Ro­ma­nen (z.B. "Il Piacere" dt. "Lust" 1887) - stark beeinflusst von Friedrich Nietzsches "Übermenschen"-Phi­lo­sophie.
Er tat sich aber auch als poli­tischer Aktivist hervor. So befürwortete er den Eintritt Italiens in den Ersten Welt­krieg und beteiligte sich als "Comman­dante" auch selbst an Kampf­handlungen. Zuvorderst trat er militärisch aber mit Aktionen wie dem Flug über Wien in Erscheinung als er während des Kriegs Flugblätter über der Stadt abwarf.

Seine Besetzung Fiumes dem heu­tigen Rijeka 1919 mit einer handvoll Freischärlern war eine Reaktion auf den Vertrag von Versailles nach dem in Italien das Wort vom "Verstüm­mel­ten Sieg" die Runde machte.

Gabriele d'Annunzio
D'Annunzio machte auch mit seiner Be­ziehung zu der italienischen Schau­spielerin Eleonara Duse Furore der er verschiedene Dramen widmete.
D'Annunzio starb am 1. März 1938 in seiner Villa "Il Vittoriale" in Gardone am Gardasee die er dem italieni­schen Volke überschrieb und die bis heute als Museum zu besuchen ist.

Lust (Gabriele d'Annunzio)
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