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Giovanni Pascoli

   
Die Episode, die das Glück der Jugend Pascolis zerstört, ist die Ermordung seines Vaters. Dieser wird am 10. August 1867 auf der Straße zwischen San Mauro und Savignano (Romagna) auf einem Pferdewagen, unweit seines Hauses, erschossen. Wenig später, am 31. Dezember des nächsten Jahres, verstirbt die Mutter; dem Schicksal der Eltern folgt alsbald das dreier Ge­schwister. In den Canti di Castelvecchio erscheint das berühmte Gedicht La cavallina storna über die dramatische Episode, die sich in die Erinnerung des Kindes für immer einprägte.
DIE GRAUE STUTE
Der Hof der Torre lag nun schon im Düstern
Vom Rio Salto kam der Pappeln Flüstern
Und Ketten klirrten, denn es brach die Reihe
Normannischer Pferde rauschend ihre Kleie.
Im Stallals letzte stand die wilde Stute,
Wuchs zwischen Wald und Meer aus edlem Blute,
Noch in den Nüstern Schaum vom Wogenschwall,
Im spitzen Ohr der starken Brandung Hall.
Und Mutter legt auf dieser Krippe Bord
Den Arm und seufzt und spricht ein traurig Wort:
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Den trugst du ja, der uns nicht heimgekehrt!
Vernahmst sein Wort, gingst seinem Wirken nach;
Er ließ ein Söhnlein, noch an Kräften schwach,
Allein von meinen acht das ält'ste Kind;
Noch weiß nicht seine Hand, was Zügel sind:
Doch dich, der an den Bug der Seesturm drängt,
Hat seine kleine Hand so leicht gelenkt.
Dich, deren Herz noch träumt das Meer im Grimme,
Hat er gelenkt mit seiner Kinderstimme."
Sie greht den schlanken Kopf zu der, die klagt
Und immer trüber leise Worte sagt:
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Du trugst ja den, der uns nicht heimgekehrt.
Ich weiß es wohl, ein treues Tier war sein,
Der Tod und du und er, ihr wart allein.
Die du aus Fichten kamst und Meeresbläue,
Dein Herz bezwang in sich das schrecklich Neue,
Das dich zu scheuen Jagen wollt entraffen,
Als du die Zügel fühltest jäh erschlaffen;
Gings deine Straße hin, als ob befehle
Dein Herr, dem so in Friede schied die Seele."
Das lange schlanke Haupt schien sich zu lehnen
An meine Mutter Antlitz, ganz in Tränen.
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Du trugs ja den, der uns nicht heimgekehrt.
Wenn er ein Wort sprach, da sie ihn erschlagen,
Hast du's gehört, doch kannst du mirs nicht sagen.
Du schleiftest lang die Zügel, staubigfahl,
Im starren Aug der Schüsse Feuerstrahl,
Im Ohr der Echos knatternd scharfe Schläge,
So zwischen Pappeln kamst du auf dem Wege.
Im Sterben war der Tag, da kam sein Wagen,
Als sollt er selbst sein letztes Wort uns sagen."
Der stolze Kopf spannt sich in jeder Sehne
Und Mutter küßt ihn weinend auf die Mähne.
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Trugst den nachhau, der doch nicht wiederkehrt.
Du kannst nicht reden andre schweigen feige,
So sei mir jetzt in einer Sache etzt in einer Sache Zeuge:
Den Menschen sahst du, der mir ihn erschossen,
Sein Bild ist da, ins Aug dir eingeschlossen.
Wer? Einen Namen nenn ich dir mit Zagen,
Du gib ein Zeichen; wie, mag Gott dir sagen."
Kein Pferd brach mehr in raschem Fraße,
Sie schliefen, träumend von dem Weiß der Straße.
Und in die Streu schlug keines Hufes Scharren,
Sie schliefen, träumend von des Rades Knarren.
In dieser Stille Mutter hob die Hand,
Ein Wiehern scholl - ein Name war genannt.
 

Giovanni Pascoli studierte als Junge im Collegio Raffaello in Urbino. Die Erin­nerungen an jene Zeit belebten einige seiner berühmtesten Verse. Im Ge­dicht L'aquilone geht es vom individuellen Tod (des Schulfreunds Pirro Viviani) zum allgemeinen Problem des Ablebens über.

DER PAPIERDRACHE
Ein Langvergessenes geht heut im Wind.
Ich lebe weit zurück versetzt und fühle.
daß rings die Veilchen aufgesprungen sind.
Rings aufgesprungen auf dem Klosterbühle,
wo sich die dürren Blätterchen bewegen
am Fuß der Eichen in der Waldeskühle.
Man atmet Lüfte wie nach einem Regen,
wenn sie die Kirchlein auf dem Land umschweben,
die längs den Stufen Gras zu haben pflegen;
die Luft von früher, einem andern Leben,
Lüfte, die himmelan im Weiterwehn
viel weiße Flügel in die Lüfte heben ...
die Drachen nämlich! - "Heute morgen gehen
wir nicht zur Schule hin! Laßt uns in Scharen
ins Freie trollen, wo die Hecken steh".
Die waren öde, kahl; und herbstlich waren,
noch ein paar Hagebutten dran geblieben,
glührötlich drin, in Büscheln und zu Paaren.
Doch auf den spindeldürren Reisern trieben
Rotkehlchen sich herum; und aus den Klüften
begann der Eidechs seinen Kopf zu schieben.
Da sind wir nun, von wo man hoch in Lüften
Urbino schaut! Es weitet das Gefieder
des Drachens jeder in den Frühlingsdüften.
Ach, er verfängt sich, strauchelt, zittert nieder,
er bäumt sich, treibt im Wirbel außer Stand,
in einem langem - steigt er - Schrei der Kinder wieder.
Er steigt und raubt den Faden aus der Hand,
gleich einer Blume, die den Schaft entflieht,
um wieder aufzublühn im fernen Land.
Er steigt: den raschen Fuß, den Blick, der sieht,
die Brust, er ist es, der zu gleicher Zeit
das Herz, oh alles! in den Himmel zieht.
Hinauf, hinauf! Nur noch ein Pünkten weit,
dort oben ... Ach, ein Windstoß, der verdrossen
hineinfährt ... ach!, ein lauter Schrei!- Wer schreit?
Es sind die Stimmen meiner Schulgenossen;
ich kenne plötzlich eine jede wieder,
die schrill, die sanft und schüchtern, wie verflossen.
Dich am Gesang und dich an dem Gefieder,
ihr SPielgenossen! Dich auch, der du lind
dein Antlitz neigtest auf die Schulter nieder.
Gewiß: ich betete für dich, mein Kind,
und weinte. Glücklich du, der du zum Spiele
allein die Drachen fallen sahst im Wind.
Wie bleich du warst! Du hattest durch das viele
Frommsein bloß deine Kniee rot gebückt,
du, durch das viele Beten auf der Diele.
Oh Glücklicher! der du das Licht entzückt
der Augen schlossest, deiner Puppen eine
herzallerliebste fest ans Herz gedrückt.
Es stirbt sich gut, wie gut, inde man seine
Kindheit getrost umklammert hält hienieden
wie seinen Blätterkelch im Sonnenscheine
die Knospe noch voll Tau. Daß mir beschieden
dir bald zu folgen wäre, teurer Junge,
wo du nun schlummerst einsam und in Frieden!
Besser, dahin zu gehen nach dem frohen Sprunge,
erhitzt und atemlos, wie nach dem Rennen
auf einem Hügel, mitten in dem Schwunge;
besser, vor allem nur dies Gold zu kennen,
das dir die Mutter mit dem Kamme,
nun dein Haupt daniederlag, begann zu trennen,
in Wellen, sacht, um dir nicht weh zu tun.
DIE GEFALLENE EICHE
Wo einst ihr Schatten lag, liegt sie jetzt selber,
die Eiche, tot. Kein Kampf mit Stürmen mehr.
Die Leute sagen: Wirklich, sie war groß!
In ihrer Krone hängen hier und dort
noch Vogelnesterchen vom Frühjahr.
Die Leute sagen: Wirklich, sie war gut!
Ein jeder lobt - und schneidet Zweige. Abends
geht jeder fort mit seinem schweren Bündel.
Hoch droben eine Klage ... die Grasmücke;
sie sucht ihr Nest und findet es nicht mehr.
VERWAIST
Ganz sachte fallen Flocken, Flocken, Flocken
Da: Eine Wiege schaukelt leise, leise.
Ein Kindchen weint, das Fingerchen im Mund.
Die Hand am Kinn sing eine alte Frau.
Die Alte singt: Rings um dein Bettchen stehn
Rosen und Lilien, ein ganz schöner Garten.
Im schönen Garten schläft das Kindchen ein.
Die Flocken fallen sacht, sachte, sachte.
 
 

Giovanni Pascoli

Nach einer von Schicksalsschlägen gezeichneten Kindheit engagierte Pascoli sich als Student für radikale politische Ideen, was ihn 1879 zeitweise ins Gefängnis brach­te. Danach wandte er sich jedoch vor allem der Literatur zu. 1905 wurde Pascoli Professor für klassische Li­te­ratur in Bologna. Internationalen Ruhm errang er durch seine Lyrik, die vor allem patriotische und histo­rische Themen behandelte. Von be­sonderer Bedeutung war sein Werk für die Entwicklung der modernen italienischen Sprache, die zu Pascolis Zeit noch in zahlreiche Dialekte zer­splittert war. Viele Wörter dialektalen Ursprungs wurden von Pascoli zum ersten Mal überhaupt in der Dichtung verwendet. Als sein wichtigstes Werk gilt die Gedichtsammlung "Myricae",

Giovanni Pascoli
Poesie
von Giovanni Pascoli
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