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Die Sarazenen in Italien

Sarazenen ist ein Begriff, der während der Zeit der Expansion des isla­mi­schen Ka­li­fenreiches im christlichen Europa zur Sammel­be­zeich­nung für die muslimischen Völker wurde, die ab ca. 700 n. Chr. in den Mit­tel­meerraum eingedrungen waren. Eine im Abendland ebenso verwendete Be­zeichnungen war „Mauren“, bzw. „Mohren„. In der Folge wird aus Verein­fa­chung meist der Begriff „Araber“ verwendet.
Die islamischen Emirate Nordafrikas waren de facto in ihrem Handeln un­ab­hän­gig von den Kalifen und hatten sich ab dem 7. Jahrhundert der Pi­ra­te­rie verschrieben. Immer wieder kam es zu Angriffen sarazenischer Flotten auf christ­liche Länder. Die Überfälle richteten sich gegen die byzan­ti­nischen und vene­tia­nischen Flotten, die Küstestädte und die Inseln des christ­lichen Abendlandes, die den ständigen Angriffen der sarazenischen Piraten aus­ge­setzt waren. Das Ziel solcher Überfälle war ursprünglich allein der Beu­tezug, die Entführung von Männern, Frauen und Kindern, um sie als Sklaven zu verkaufen, und, später, die Ansiedlung ín „Nestern" von denen aus ihre Überfälle leichter fortgesetzt werden konnten.
Im 9. Jahrhundert wurde Sizilien von den Arabern erobert und von diesen ins­ge­samt 250 Jahre lang beherrscht. Als zur Zeit der arabischen Dynastie der Aghlabiden, die von 800 bis 909 in Ifriqiya (frühere arabische Be­zeich­nung für Tu­ne­sien Ost-Al­gerien und Tripolitanien) herrschten, Asad ibn al-Furāt al-Harrānī, der Kadi von Qairawān, dem Gou­verneur we­gen seinen mora­lis­ti­schen Ermah­nun­gen lästig wurde, ernannte ihn dieser zum Führer eines Feldzuges gegen das by­zan­ti­nische Sizilien. So lan­dete Asad im Jahr 827 mit einem arabischen Truppenkontingent in Sizilien und eroberte Marsala, (arabisch: Marsa Allah - der Hafen Gottes), die so­mit die erste Stadt Italiens war, die vom Islam erobert wurde. Syrakus, die Hauptstadt der Insel, konnten die Araber hingegen nicht einnehmen.
Die Belagerung von Messina (843)
In den folgenden Jahren setzten erneut arabische, berberische und anda­lu­sische Streitkräfte die Eroberung Siziliens fort. Palermo fiel bereits  831 in ihre Hände und wurde zur Hauptstadt des islamischen Siziliens (Siqilliyya) er­nannt. 843 fiel Messina, während Enna erst im Jahr 859 eingenommen wurde. Am längsten konnte sich Syrakus, Sitz des Strategos (militärischen Gou­ver­neurs) halten. Die Stadt fiel am 21. Mai 878, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der ersten Landung der Araber auf Sizilien, nach einer unbarmherzigen Belagerung, die mit dem Massaker an 5.000 Einwohnern und der Versklavung der Überlebenden endete.
Die letzte wichtige Hochburg der Byzantiner, Tauromenium (Taormina), fiel am 1. August 902, 918 das bereits auf dem italienischen Festland liegende Reggio in Kalabrien und 964 mit Rometta auch der letzte byzantinische Stütz­punkt auf der Insel.
Nach der Eroberung Siziliens überfielen die Muslime in schnellen Raubzügen Gebiete am tyrrhenischen Meer, plünderten Rom und setzten sich auf dem süditalienischen Festland fest, wo sie Bari und Tarent (840) und Brindisi (841) in Apulien eroberten und dort Emirate grün­de­ten. Für mehr als ein Jahr­hun­dert blieb Süditalien ständig umkämpft von Sa­ra­zenen, Langobarden und Byzantinern.
Aber die Sarazenen/Araber stießen auch im Norden Italiens vor, bis Asti und Novi Ligure, und zogen entlang des Rhônetals und westlich der Alpen weiter nach Norden. 952–960 hielten sie sogar einen Teil der Schweiz besetzt. Noch 1002 wurden Genua und 1004 Pisa geplündert. Daraufhin verbündeten sich die beiden Städte, um den Muslimen auch Korsika und Sardinien zu ent­rei­ßen. Erst im Jahr 1027 wurden die sardinischen Muslime endgültig von den Ita­lie­nern besiegt, der letzte muslimische Aufstand endete 1050.
Die Zeit der arabischen Herrschaft (827-1091) war für Sizilien eine ausgesprochene Blü­te­zeit. Denn im Gegensatz zu den Stämmen der Völ­kerwanderung, die einige Jahr­hun­derte zuvor West- und Südeuropa erobert hatten, brachten die Araber eine hochentwickelte Kultur mit ins Land. Sie ver­folgten die Christen nicht und unter ihnen konnten sich Künste und Wis­sen­schaften frei entfalten.
Sizilien - Paradiesgarten der Sarazenen (Teil 1-2)
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Palermo löste in der Zeit des Emirats von Si­zi­lien Syrakus als Haupt­stadt ab und entwickelte sich zu zur be­deu­tendsten Stadt des Mit­tel­meer­raums mit über 300.000 Einwohnern und zu einem wichtigen Handels­zen­trum. Die Emire (Statthalter) ließen Moscheen und prächtige Paläste er­rich­ten. Wegen ihrer religiösen Toleranz waren die Araber auch bei der ein­fachen Bevölkerung beliebt.
Sizilien - Paradiesgarten der Sarazenen (Teil 3)
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Dank neuer Be­wäs­se­rungs­techniken blühte die Landwirtschaft Siziliens auf. Dass Sizilien zum „Land, wo die Zitronen blühen" wurde, verdankt es den Arabern, denn diese bauten neue Kulturpflanzen an, wie Zitro­nen und Orangenbäume, Dattelpalmen, Zuckerrohr, Reis, Baumwolle, Pistazien und Melonen. Sie führten auch Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht ein. Die Anlage von Salinen zur Salzgewinnung brachten Sizilien einen ertragreichen Handel und Wohlstand.
Sizilien - Paradiesgarten der Sarazenen (Teil 4)
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Von dieser kulturellen und wirtschaftlichen Blüte Siziliens unter den Arabern würden die folgenden Jahrhunderte norman­ni­scher, staufischer und fran­zö­si­scher Herrschaft noch zehren können. Die Eroberung Siziliens bildete den Höhepunkt der arabischen Herrschaft im Mittelmeerraum.
Sizilien - Paradiesgarten der Sarazenen (Teil 5)
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Der muslimische Bevölkerungsanteil auf Sizilien betrug am Anfang des 11. Jahrhunderts etwa 50 Prozent, wobei die ethnischen Araber zumeist den Norden um Palermo und die Berber überwiegend den Süden um Agrigent dominierten.
Im Jahr 1030 kam es zu Streitigkeiten zwischen den Emiren, weshalb sich einige von ihnen nach Byzanz um Hilfe wandten. 1038 landete General Georg Mania­kes in Messina und besetzte einen Teil Ostsiziliens für Byzanz, verlor es aber nach kurzer Zeit wieder an die Araber. Im Jahr 1061 wiederholte sich die Si­tuation. Einige der herrschenden Emire riefen diesmal die Norman­nen [] zu Hil­fe, die schon seit geraumer Zeit über Süditalien herrschten.
Der Normanne Roger I., Bruder des in Süditalien herrschenden Robert Guiscard, landete mit seiner Flotte 1061 in Sizilien und eroberte Messina. Es dauerte aber dreißig Jahre, bis die Normannen Sizilien völlig unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Nachdem Palermo im Januar 1072 nach einem Jahr Belagerung gefallen war, machte Robert Guiskard als König sei­nen Bruder zum Grafen von Sizilien. Erst 1085 war Roger aber militärisch in der Lage, die Eroberung Siziliens fortzusetzen. Als letzte Stadt fiel Noto im Jahr 1091 und Sizilien wurde zum normannischen Königreich erhoben.

Die muslimische Bevölkerung blieb auch unter den Normannen im Land. Die Normannen übernahmen die Ver­wal­tung und das Steuersystem von den Ara­bern und praktizierten eine allgemeine Toleranz gegenüber die­sen und den Griechen. In den Städten behielten die Araber zunächst ihre Moscheen und ihre Han­dels­pri­vilegie, auf dem Land wurden sie zu Leibeigenen. Die Nor­man­nen rekrutierten ihre Infanterie vorwiegend aus der Grup­pe der Muslime. Diese wurden aber bald diskriminiert und verfolgt, ihre Moscheen zerstört oder zu Kirchen umge­wandelt.

Das friedliche Nebeneinander hörte 1189 nach dem Tod des „guten" Königs Wil­helm II. auf. Die muslimische Elite wanderte aus, die übrigen Muslime ver­schanzten sich in den Bergen und setzten von dort ihren Wider­stand fort, auch unter den Staufern, die die Normannen 1194 abgelöst hatten. Der Stau­fer Friedrich II., eine der faszinierendsten Gestalten der Ge­schich­te, brach den Aufstand der Araber, indem er von 30.000 von ihnen nach Lu­cera (Apulien) deportieren ließ, ihnen dort aber Autonomie gewährte. Friedrich umgab sich mit einer muslimischen Leibwache und wurde vom Papst „Sultan von Lucera“ genannt und exkommuniziert. Nach dem Sturz der Staufer wurde Lucera im Jahr 1300 auf Drängen des Papstes von König Karl II. von Anjou zerstört.

Eine arabisch-byzantinisch-normannische Symbiose in der Kunst überlebte als Sizilianische Romanik.

 

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