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Die "Vu cumprà"
Niemand weiß genau, wie viele Immigranten (man nennt sie extra­comu­ni­ta­ri, nicht EU-Bürger) aus den Ländern der drit­ten Welt es inzwischen gibt in Ita­lien; sicher mehr als eine Million, in man­chen Städten sollen sie an­geblich bis zu 10% der Bevölkerung betragen.
Die meisten sind illegal, ihre Herkunftsländer die unterschiedlichsten. In den 70er Jahren waren es vorwiegend politisch motivierte Immigranten, heute sind es reine Armutsmigranten, großteils Nordafrikaner, Philippinos, Schwarz­afrikaner, Equadorianer, Ukrainer.
Flüchtlinge und Migranten sind, aufgrund fehlender staatlicher Unter­stütz­ung, praktisch vom ersten Tag an in die Billiglohnarbeit gedrängt. Sie fin­den in der Landwirtschaft (als Erntehelfer), in Reinigungsdiensten, im Gastgewerbe, als Straßenrverkäufer, als Haushaltshilfen und private Kran­kenpflegerinnen, so­ge­nan­nte badanti (von badare = sich kümmern), eine Arbeit. Dazu kommen noch eine Anzahl von halblegalen und illegalen Beschäftigungen, die von der Prostitution bis zum Schwarzmarkt gehen.
Sie zahlen Wucherpreise für ihre kümmerlichen Unterkünfte (Schicht­schlafen in Kleinstwohnungen ist nicht selten!), ihre Löhne sind gering und unsicher, häu­fig greift die einheimische Konkurrenz, denen sie ein Dorn im Auge sind, zum gewaltsamen "Selbstschutz" oder hetzt die Polizei auf sie.
Vu cumprà nennt man jene, sie sich als fliegende Händler ihren Le­bens­unterhalt verdienen. Denn "Vu' cumprà?", eine Verballhornung von "vuoi comprare?"(Möchten Sie etwas kaufen?), ist die Frage, die sie in ihrem französisch klingenden Italienisch potentiellen Kunden stellen. Davon ha­ben sie ihren Namen bekommen, die Hunderttausenden von Schwarz­afri­kanern (die meisten aus Senegal), die an den Stränden und in den histo­rischen Innenstädten ihren Ramsch anbieten.

Die italienischen Strände sind (in der Saison) "der größte illegale Markt der Welt". Senegalesen, Nordafrikaner und Shingalesen teilen sich diesen ille­ga­len Markt auf. CDs, Billigkopien von Markenprodukten (Handtaschen, T-Shirts, Gürtel, Sonnenbrillen etc.), Spielzeuge. Die Organisation der (legalen) Gewer­be­trei­benden schätzt - allein für die Küsten­strecke zwi­schen Cervia und Ra­venna (Adria) - einen täglichen Verlust aufgrund der Illegalen von 500.000 Euro.

Von den Händlern bekämpft, von der Polizei ständig gehetzt, werden die vu cumprà aber von den Badegästen geliebt und unterstützt. Inzwischen haben sie sich auch auf neue Formen von Dienstleistungen eingestellt: Masseure (Chinesen) und Tätowierer (Singhalesen).
"An den Stränden verkaufen ist schwierig", erzählt Modou, ein junger Sene­ga­lese. "Die Kosten nehmen zu, die Wohnungsmiete in der Stadt muss weiter­ge­zahlt werden. Und die Familie zu Hause (er hat zehn Per­sonen, um die er sich kümmern muss, davon zwei Ehefrauen) braucht immer mehr Geld.
Ich verkaufe auf den Stränden von Rimini, Riccione, Cattolica. Ich war sogar bis San Benedetto del Tronto".
"Am Meer ist es einfacher, zu verkaufen, die Menschen sind entspannter als in der Stadt. Aber man muss Kilometer und Kilometer unter sen­gen­der Hitze marschieren."
Am schlimmsten seien die Polizeikontrollen, meint Modou. Sie kommen in Zivil, man denkt, sie seien normale Kunden, dann zeigen sie dir ihren Ausweis und requirieren die ganze Ware. Und wer keine Aufenthalts­ge­neh­migung hat, wird aus dem Land verwiesen.
"Es retten uns die alten Damen", meint Modou, denn sie scheuen sich nicht davor, den Ge­mein­depolizisten (vigili) zu sagen, dass sie uns in Ruhe lassen sollen, weil wir ja nur unsere Arbeit tun.
Und weil sich die Badegäste mit den Händlern solidarisieren, setzt die Polizei, um ihre Beliebtheit in der Bevölkerung nicht aufs Spiel zu setzen, immer mehr auf Prävention, z.B. auf Verbote, an die Illegalen Wohnun­gen zu ver­mieten. Wer es widerrechtlich dennoch tut, kann bis zu drei Monate Gefängnis verurteilt werden.
 

Vu cumprà

Es gibt einen Dokumentarfilm der Escuela Internacional de Cine y Tele­vi­sion (dessen Vorsitzender Gabriel Garcia Marquez ist), mit dem Titel "Vu cumprà", der sich mit den Lebensbedingungen von afrikanischen Ein­wan­derern in der Provinz Pisa befasst.
Ausgehend vom Mord an Jerry Masslo im Sommer 1989 in Villa Literno, sammelt der Film Mei­nungen und Zeugenaussagen von Menschen, die Nähe zur Thematik der Einwanderung hatten. Erste unter ihnen die extra­communitari und die vu cumprà. Daraus ergibt sich die ganze Dramatik des Inte­grationsproblems und die Un­mög­lichkeit, jedwede Arbeit zu finden, außer dem eines fliegenden Händlers.

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