| |
|
|
Camorra
|
|
Heute bezeichnet man im Allgemeinen mit dem Begriff "Camorra"
die organisierte Kriminalität, die von der
Region Kampanien ausgeht, und sich, von dieser ausgehend,
inzwischen auch auf andere Weltgegenden ausgedehnt hat. Fälschlicherweise
neigt man dazu, unter diesem Begriff eine einzige kriminelle
Organisation zu verstehen, wie es die sizilianische Mafia
ist. In Wahrheit ist die Struktur der Camorra viel komplexer,
indem sie aus mehreren Clans besteht, die sich in Bezug
auf das Territorium, auf dem sie agieren, die Organisationsform,
die wirtschaftliche Stärke und die Art zu handeln voneinander
unterscheiden. Im Gegensatz zu den anderen italienischen Mafiaorganisationen
hat sie ihren Ursprung nicht in den ländlichen Gegenden
sondern in den stark besiedelten Stadtteilen
der Grosstadt Neapel. Außerdem sind die Bündnisse
zwischen diesen Clans oft sehr zerbrechlich und führen
des öfteren zu echten Fehden oder Camorra-Kriegen.
|
| Die Camorra (spanisch für
"Streit") entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts
während der spanischen Besetzung des Königreichs Neapel.
Der erste Kern der Camorra ist, laut einer Erklärung, auf
das Jahr 1417 zurückzuführen. Es war die sogenannte
"Guarduna", eine spanische Geheimgesellschaft, die
in Sevilla gegründet wurde und auch in den Werken von Cervantes
Erwähnung findet. |
| Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden
in Neapel die "compagnoni", echte Vorläufer
der "camorristi". Gegen Ende des 18. Jahrhunderts
waren es hingegen die "lazzaroni" (wörtlich
"Nichtsnutze", "Gauner", "Pöbel"),
die sich mit der Kriminalität verbanden, um sich gegen
die Truppen Napoleons zu wehren. |
|
Seit 1820 gedieh die Camorra hauptsächlich in den Gefängnissen.
In diesen Jahren gründet Pasquale Capuozzo, der erste
Clanchef, die "Bella società riformata"
(die schöne reformierte Gesellschaft).
|
|
Da sich die Institutionen nicht um die unteren sozialen Schichten
und die sozialen Probleme kümmerten genoss die Camorra
trotz ihres kriminellen und gewalttätigen Vorgehens ein
hohes Ansehen bei den kleinen Leuten, denn sie garantierte
wenigstens ein Minimum an Gerechtigkeit. Im Jahr 1860 vertraute
der Präfekt der provisorischen Einheitsregierung, Liberio
Romano,
der Camorra den Auftrag an die öffentliche Ordnung aufrecht
zu erhalten.
Liborio Romano wollte so einen Volksaufstand vermeiden. Für
die Camorra bedeutet dies jedoch die offizielle Anerkennung.
1863 wurde aber bereits das erste Gesetz gegen die Camorra
verabschiedet, das "Pica-Gesetz", das es ermöglichte,
bereits auf Basis eines Verdachts zu handeln.
|
|
Am 8. November 1901 wurde die erste Enquete-Kommission gegen
die Camorra gegründet. Der Herzog von Aosta,
Emanuele Filiberto forderte zur Härte gegen die
Camorra auf. Man wartete auf eine Gelegenheit, um zu handeln.
Diese Gelegenheit ist der 1906 begangene Mord an Gennaro Cuocolo
und seiner Frau. Im Jahr 1911 wurde in Viterbo der Prozess
wegen der Ermordung des Ehepaars Cuocolo eröffnet, bei
dem zum erstenmal in der Geschichte der Camorra ein Kronzeuge
auftauchte. Dank zahlreichen Zeugenaussagen und dem Kronzeugen
Abbatemaggio konnte der Prozess am 9 Juli 1912 zu zahlreiche
Verurteilungen führen.
|
|
|
|
Angeklagte beim Prozess Cuocolo in Viterbo
|
Enrico Alfano und die acht Hauptangeklagten
wurden zu 30 Jahre Haft verurteilt, weitere 47 Angeklagte
zu geringeren Strafen.
Am 25. Mai 1915 lösten die Camorristen im Stadtteil Sanità,
unter Vorsitz von Gaetano Del Giudice, die Camorra, welche eigentlich
schon nach dem Prozess von Viterbo de facto aufgehört hatte
zu existieren, offiziell auf. |
| Während der Zeit des Faschismus
herrscht Ruhe auf der Camorra-Front. Es ging so weit, das Mussolini,
nach den Erfolgen von Cesare Mori, dem "Prefetto di ferro" (eisernen
Polizeichefs) gegen die Mafia in Sizilien, viele der in Viterbo
verurteilten Camorrisit begnadigte, weil sie seiner Auffassung
nach keine Gefahr mehr bedeuteten. |
Die neue Camorra in der Form,
wie wir sie heute kennen, bildete sich nach 1945. Viel dazu
trugen die USA bei, als sie den Mafioso Lucky Luciano zum Zwangsaufenthalt
nach Neapel versetzten und dessen Kontakte zur Mafia nutzten
[
]. |
In den 70er Jahren versuchte der
im Gefängnis von Poggioreale (Neapel) einsitzende
Boss Raffaele Cutolo, genannt "der Professor", der
Camorra wieder einen hierarchischen Charakter zu geben und gründete
die Neue Organisierte Camorra, die sich gegen die alten
Camorra-Familien stellte, die sich ihrerseits zur Neuen Familie
zusammenschlossen.
Der Krieg zwischen den beiden Familien endete Anfang der 80er
Jahre mit der Niederlage der Neuen Organisierten Camorra
und kostete Hunderte von Menschen das Leben. Die Neue
Familie fiel kurze Zeit später auseinander. |
Seit den 1980er Jahren totgesagt,
hat sich die Organisation wieder zusammengefunden und operiert
nun auch außerhalb ihres angestammten Territoriums.
Trotz zahlreicher Bandenkriege zwischen den Clans hat die Camorra
bis heute weite Teile der Politik und Wirtschaft Süditaliens
unterwandert. In den letzten Jahren forderte ein Krieg zwischen
dem Clan Di Lauro und einer Gruppe von Abtrünnigen, den
"scissionisti", viele Opfer (allein 2004 /
2005 über 100 Straßenmorde). Die Polizei konnte diesen
Krieg nur durch ein Großaufgebot von 13.000 Beamten
eindämmen.
Am 27. Februar 2005 wurde in Spanien der Führer der scissionisti,
Raffaele Amato, festgenommen. Ein weiterer Schlag gelang der
Polizei und zivilen Fahndern am 16. September 2005, als mit
Paolo Di Lauro einer der wichtigsten Anführer
verhaftet werden konnte. |
| Ende Oktober 2006 begann in Neapel
erneut eine Mordserie zwischen konkurrierenden
Clans, die in 10 Tagen 12 Todesopfer forderte. Italiens Innenminister
Giuliano Amato kündigte die Entsendung von 1.000 zusätzlichen
Polizisten und Carabinieri auf nunmehr über 10.000 Polizeikräfte
für die Ermittlungen und die Sicherheit der Touristen an.
|
|
Mitte der 1990er hatte man die Camorra erneut totgesagt,
denn die meisten großen Bosse saßen im Gefängnis.
In jüngster Zeit ist die Organisation jedoch wieder verstärkt
in Neapel aktiv und hat die Stadt weitgehend unter ihrer Kontrolle.
Jährlich gehen zur Zeit mehr als 100 Morde in Neapel
auf ihr Konto, die in der Regel unter rivalisierenden Clans
verübt werden. Touristen sind normalerweise nur von Kleinkriminalität
wie Diebstahl bedroht, vor allem in der historischen Altstadt
um den Dom.
|
| Die Camorra kontrolliert ihr Territorium
mit Drohungen, Gewalt und dank der stillschweigenden Duldung
der Einwohner. Schätzungsweise 80 % der neapolitanischen
Geschäftsinhaber zahlen Schutzgeld an die Camorra. In erster
Linie profitiert die Camorra von der Armut in der Stadt Neapel,
da sie sehr lukrative Jobs vergeben kann: Ein Kleindealer
verdient ohne großen Aufwand das Zehnfache eines Pizzabäckers.
In Neapel beträgt die Arbeitslosenrate 25 %, unter Jugendlichen
sogar 50 %. So wird das organisierte Verbrechen zum Brotgeber
für Tausende von Verzweifelten. |
|
Neapel im Norden und Nordosten sind eine No-Go-Area geworden.
Hoffnung auf Besserung besteht allein in der Verbesserung
der sozialen Lage, alle anderen Maßnahmen
sind vergebliche Bemühungen. Die Haupteinnahmequellen
der Camorra sind allgemein und in dieser Reihenfolge: Drogenhandel,
Produktpiraterie von Luxusgütern, durch
Korruption und Erpressung erlangte Großaufträge
im Baugewerbe, Waffenhandel, illegale Müllentsorgung
und Schutzgelderpressung.
|
| |
|
| Kampanien |
| Kampanien (Campania),
dessen Hauptstadt Neapel ist (Napoli), ist eine
Region an der Westküste von Italien. Kampanien grenzt im
Nordwesten mit dem Latium, im Nordosten mit Molise,
im Osten mit Apulien, im Südosten mit der Basilicata
und ist westlich vom Tyrrhenischen Meer begrenzt. Die rund 5,8
Millionen Einwohner konzentrieren sich größtenteils
im Ballungsgebiet von Neapel. Damit ist Kampanien die am
dichtesten besiedelte Region Italiens. |
|
|
| Camorristi |
| Ich erinnere mich, wie man,
zur Zeit meiner Kindheit in Norditalien, oft und gerne ein anderes,
missliebiges Kind mit der Bezeichnung "camorrista"
beschimpfte. Es stand für gemein, Schummler,
Betrüger. Ich dachte mir nicht viel dabei.
Erst viel später erfuhr ich den Zusammenhang
mit der neapolitanischen Verbrecherorganisation Camorra. |
|
|
|
Gomorrha [
]
von Roberto Saviano
(Mauszeiger aufs Bild
positionieren, um das Buch zu bestellen)
|
|
|
|
|
Sandokan. Eine Erzählung
der Camorra
von Nanni Balestrini,
Max Henninger
(Mauszeiger aufs Bild
positionieren, um das Buch zu bestellen)
|
|
|
|
Mafia Brotherhoods ( )
Organized Crime, Italian Style
von Letizia Paoli
(Mauszeiger aufs Bild
positionieren, um das Buch zu bestellen)
|
|
|