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Pappagallo (Plur. Pappagalli)



Strikt genommen ist ein Pappagallo ein Papagei. So steht es zumindest im Wörterbuch. Heißt es aber nicht, dass nordeuropäische Frauen in Italien von Pappagalli bedroht werden? Beißen sie denn? Hacken sie ihnen die Augen aus? Aber nein: Mit Pappa­galli sind, nach einem inzwischen interna­tio­nal gebrauchten Begriff, die aben­teuerlustigen jungen italienischer Männer ge­meint, die aus nördlichen Landstrichen angereiste Besu­che­rinnen mit ihrer nicht selten über­triebener Aufmerksamkeit belästigen.
Belästigen“ ist bekanntlich eine Ansichtssache. Vor vielen Jahren fuhr ich in einem Personenzug, der durch das tiefe Niederbayern ratterte, in Richtung München. Mir gegenüber saß eine junge hübsche Frau, mit der ich bald ins Gespräch kam. Sie war, so erfuhr ich, unterwegs nach Italien, und all das, was sie sagte (und womit sie mich nervte), war eine Lobeshymne auf die ita­lie­ni­schen Männer, die ach so gut angezogen, so charmant und so be­geh­renswert seien, ganz im Gegenteil, versteht sich, zu ihren deutschen Ge­schlechts­genossen.
Dass Urlauberinnen die Aufmerksamkeit italienischer Männer auf sich ziehen, ist bekannt. Früher waren es die in Scharen ans Meer angereisten deutschen und österreichischen Frauen, die Engländerinnen und die Schwedinnen, heute sind es (besonders an der Adria) die Russinnen. Mancher Frau mag die un­ge­wohnte Auffälligkeit schmeicheln, anderen geht das fortwährende Ange­spro­chen­werden bald auf die Nerven.
Körperliche Zudringlichkeiten wie ein Kniff in den Po sind aber ganz selten. Besonders bei Gruppen junger Männer ist die Hartnäckigkeit der Anmache mehr eine Demonstration gegenüber den Freunden als gegenüber der be­treffenden Frau. In der Regel gilt das Ganze nur als Spiel und Zeitvertreib, besonders wenn vonseiten der Frau keine Gegensignale kommen. Wer seine Ruhe haben will und entschieden mit einem Schuss Verachtung auftritt, wird dies auch erreichen. Ein Lächeln oder auch nur ein gerader, offener Blick wird von vielen italienischen Männern aber als ein Zeichen gesehen, dass sie eine Chance haben.
Eine witzige Definition dieses Menschenexemplars lautet: „Ein Pappagallo ist die kümmerliche Nachahmung eines Verführers. Ununterbrochen hockt er in der Nähe der bekannten Sehenswürdigkeiten herum und wartet auf aus­län­dische Touristinnen zum Abschleppen. Zu diesem Zweck benutzt er immer wieder die gleichen klicheehaften, papageienhaft wie­der­holten Sätze."
Laut einem Artikel der britischen „Sunday Times“ ist Rom die Welt­haupt­stadt der Pappagalli. Im August, wenn die Ehefrauen am Meer sind und die jungen Ausländerinnen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit eilen, sind Roms Männer im Jagdfieber. Von charmant bis grob un­höflich gehen ihre Ver­füh­rungsmaschen. Sie verfolgen die Frauen penetrant mit ihren Blicken, pfei­fen manch­mal ihren hübschen Opfern nach, immer bewundern sie laut­stark deren Schönheit. „Bella, bellissima“, heißt es dann, oder „ti amo„. Die raffi­nierteren bieten sich als Fremdenführer an. Gewiss sind die meisten Kontakt­versuche nicht von der originellsten Art, da freut „frau" sich auf schöne Kom­plimente wie: „Du bist so schön wie eine Frau des Botticelli!“.
Selbstverständlich gibt es auch eine diametral entgegengesetzte Sichtweise dieses Phänomens. Denn kann es ein Angebot ohne Nachfrage geben? Wür­den denn nicht all die selbst ernannten „Latin Lovers“ – denn das meinen die Pappa­galli zu sein – verstummen, wenn sie keines Blickes gewürdigt wür­den?
Italien war – das mag merkwürdig klingen – lange Zeit das „klassische" Land des Sextourismus. Es war allerdings ein Sextourismus der Frau­en! Für viele Urlauberinnen aus den nördlicheren Gegenden Europas war in Ita­lien schon damals „all inclusive„. Sie kamen in Scharen, um sich den ita­lie­ni­schen „Latin Lovers“ hinzugeben. Die jun­gen feschen Papagalli, eine Art Billigcasanovas, warteten bereits auf die sexhungrigen Urlauberinnen. Aus dieser Warte gesehen gewinnt das Wort „Fremdenverkehr" eine völlig neue Bedeutung.
Wie sich die Zeiten ändern! Auch die Ära der Pappagalli scheint zu Ende ge­gan­gen zu sein. „Strandanmache adieu”, titelte vor einigen Jahren die Zeitung „Il Messaggero„. Danach hieß es Abschied nehmen vom selbstbewussten Latin Lover, der sich frech und ungefragt an die blonden Touristinnen heranmachte. Einer Umfrage nach sei den Italienern der Mut abhandengekommen. Mö­gli­cher­weise lösen sie ihre Kontaktbedürfnissen heute auf andere Weise.
Pappagalli wie der berühmte Playboy Maurizio Zanfanti gehören zu einer aus­sterbenden Art. In den 1970er und 1980er Jahren war er einer der bekann­tes­ten Latin Lovers und zog an der Adriaküste die Frauen an wie das Licht die Motten. Die Männer hätten eigentlich gar keine Schuld, es seien die Frauen, die sich ge­ändert haben, versichert er. Es seien die Touristinnen, die nicht mehr wollen, während sie früher extra für den Sommerflirt nach Italien ge­kom­men seien.
Laut Alessandro Coppi, Autor eines Sachbuches über die Pappagalli, sind den Möchtegernverführern nur noch die russischen Touristinnen und einige Süd­ame­ri­kanerin geblieben. Die Amerikanerinnen schneiden sie, die deutschen verspotten sie, die Skandinavierinnen hassen sie. Die Römerinnen haben sich an ihre Anmache gewöhnt und geben ihnen, um sie loszuwerden, eine Handy­nummer - eine falsche, versteht sich!
 

Eine kleine Sprachkunde

Nein, niemand kann ein „pappagalli“ sein, genau so wenig ein „paparazzi“ oder ein „mafiosi“, denn dann müss­te er eine multpiple Persönlichkeit haben. Endungen auf „i“ deuten in der italienischen Sprache auf eine Mehrzahl. Korrekterweise spricht man also von einem pappagallo, einem mafioso und einem papa­razzo. Und an einem warmen Som­mer­tag isst man ein „gelato„!

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